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Innovationen

Interview mit Anja Kristina Köhler

Projektentwickler sind normalerweise keine Unternehmen, die Menschen für sich begeistern. EDGE ist da anders. Der Niederländer Coen van Oostrom hat sein Unternehmen zur Marke gemacht. Außerdem gilt EDGE als Vorreiter darin, Erfolg, Qualität und Ökologie zu vereinen. Anja Kristina Köhler (Sustainability Innovation Manager, EDGE) steht als Nachhaltigkeitsexpertin dafür ein, dass das Thema bei EDGE mehr ist als ein grünes Deckmäntelchen für besonders lukrative Projekte.

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EDGE Olympic Amsterdam Architekten Cie BREEAM Excellent
Anja Kristina Köhler

PROFILE: Frau Köhler, Sie haben Ihren Schreibtisch in einem EDGE Gebäude. Wie arbeitet es sich da? Ich arbeite in Amsterdam im EDGE Olympic. Das ist ein supersmartes Gebäude. Aber es sieht gar nicht so aus, es wirkt sehr warm, mit organischen Formen, Pflanzen und viel Holz. Ganz anders, als man sich das in Science-Fiction-Filmen wie »Matrix« mal vorgestellt hat. Nur wenn man an die Decke schaut, sind da überall Sensoren. Die messen zum Beispiel Luftqualität, Lautstärke, Temperatur, Tageslicht und Auslastung. Letztendlich lässt sich das Gebäude so mit Hilfe unserer intelligenten IT-Plattform, auf der alle diese Daten zusammenlaufen, energieeffizient bewirtschaften.

PROFILE: Welche Rollespielen Sie dort? Ich bin verantwortlich für die Innovationen im Bereich Nachhaltigkeit. Innovation geschieht nur in Zusammenarbeit – innerhalb und außerhalb der Firma. Daher ist meine Arbeit sehr vielfältig und besteht zum Beispiel aus Recherche zu neuen Technologien und Materialien, Produktentwicklung, Benchmarking und viel Wissensaustausch mit Kollegen bei EDGE und mit anderen Firmen.

PROFILE : In den vergangenen Monaten haben Sie mit Ihrem Team eine Strategie entwickelt, wie EDGE bis 2050 komplett CO2 - frei wirtschaften will. Für die Branche ist das ein Riesenschritt... Ja, aber jetzt geht es erst richtig los: Die Implementierung der Net Zero Carbon Zielsetzungen für die grauen Emissionen und Betriebsemissionen in unseren kommenden Projekten wird eine Herausforderung. Der stellen wir uns aber gerne.

PROFILE: Einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen zufolge entstehen aber gut ein Drittel der Emissionen eines Gebäudes schon vor der tatsächlichen Nutzung. Liegt da das Hauptproblem? Es ist in der Tat relativ leicht, ein Gebäude emissionsfrei zu betreiben. Betriebsemissionen soll es daher 2030 in unseren neuen Projekten nicht mehr geben. Viel schwieriger in den Griff zu bekommen sind die grauen Emissionen, die bei der Herstellung von Materialien wie Stahl, Glas oder Beton, beim Bau und beim Abbruch entstehen. Diese grauen Emissionen wollen wir bis 2030 bei allen neuen Projekten um mindestens 50 Prozent reduzieren, auf maximal 500 kg CO2 /m2.

PROFILE: Reicht das aus? Das ist ein großer Schritt, weil wir hier die Lebenszyklusphasen A1 bis A5 mit einrechnen, die reichen von der Bereitstellung der Rohstoffe bis hin zur Fertigstellung. Und wir rechnen auch die technische Gebäudeausstattung mit ein, also zum Beispiel Leitungen und Lüftungssysteme. Das ist ein wirklich ambitioniertes Zwischenziel. 2050 wollen wir dann ja komplett CO2-frei sein. Auch wenn unser Chef ständig fragt: »Geht das nicht schneller, Anja?«

PROFILE: Was heißt das für Sie konkret? Wir sprechen mit Stahllieferanten, Supermärkten, Kurierdiensten oder auch Reiseveranstaltern. Wenn es bis 2050 keine CO2-freien Flüge gibt, werden unsere Mitarbeiter nämlich nicht mehr fliegen können. Bei solchen Themen sind wir aber natürlich auf die anderen Player angewiesen.

PROFILE: Aber Ihre Kollegen machen mit? Grundsätzlich sind die von der Strategie begeistert. Viele kommen eh schon mit dem Fahrrad oder dem E-Auto ins Büro, weil sie auch in ihrem persönlichen Bereich nachhaltig unterwegs sind. Wir sehen, dass es allen Spaß macht, sich mehr um ein nachhaltiges Leben zu bemühen. Aber wir werden alle Emissionen erfassen, möglichst in Echtzeit, so dass jeder Mitarbeiter sieht, wie sein Verhalten die Nachhaltigkeit unserer Projekte beeinflusst. Und da gibt es niemanden, dem das egal ist.

PROFILE: Trotzdem ist die Baubranche traditionell konservativ. Wie können Sie Bedenken gegenüber neuen Materialien und Bauweisen ausräumen? Ich erinnere mich an einige herausfordernde Diskussionen mit unseren Kollegen, die an der Entwicklung und dem Bau der Projekte arbeiten. Aber innovative Wege zu finden, um unsere Kohlenstoffemissionen zu verringern, ist inzwischen definitiv zur Norm geworden.

PROFILE: Wie sehen das die Kunden? Die Märkte sind unterschiedlich weit. In London achten Käufer und Mieter zum Beispiel schon extrem auf Nachhaltigkeitskriterien, auch die finanzierenden Banken haben das verinnerlicht. Mit dem EDGE London Bridge werden wir 2025 im Vereinigten Königreich auch unser erstes Net Zero-Projekt fertigstellen.

PROFILE: Kann EDGE dann überhaupt weiter auf Neubauten setzen? Ich bin mir sicher, dass Gebäude in Zukunft nicht mehr grundlos abgerissen und neu gebaut werden. Das wird die politische Regulierung unmöglich oder zumindest sehr teuer machen. Insofern denken wir schon lange darüber nach, wie wir Materialien oder ganze Gebäudeteile recyceln können. Und wir haben uns für die Zukunft eine Quote auferlegt: 30 Prozent des verwendeten Materials müssen Recyclingmaterial sein.

PROFILE: Wo stehen Sie da aktuell? Auch wenn EDGE in Deutschland vor allem für seine tollen, neuen Gebäude bekannt wurden, sind heute etwa die Hälfte unserer aktuellen Vorhaben weltweit Renovierungsprojekte. Auch im EDGE Olympic, wo ich arbeite, haben wir so viel vom alten Gebäude wie möglich recycelt. Außerdem haben der Bestand und die beiden neu gebauten oberen Stockwerke einen Materialpass. Wir wissen also genau, was verbaut wurde und wie wir das einmal wiederverwenden können. Deswegen haben wir die Holzkonstruktion zum Beispiel nicht geleimt, sondern nur geschraubt.

PROFILE: Werden klimaneutrale Büros ungemütlicher? Kleine Schießscharten-Fenster werden nicht wiederkommen, da bin ich mir sicher. Schließlich ist viel Licht wichtig für ein gesundes Arbeiten. Und das ist völlig klar: Die Gesundheit der Mitarbeiter ist das höchste Gut für jedes Unternehmen. Bei uns kann zum Beispiel jeder Mitarbeiter sich an seinem Arbeitsplatz seine eigene Wohlfühlatmosphäre schaffen.

PROFILE: Im Großraumbüro stelle ich mir das schwierig vor…  Natürlich funktioniert es nicht, wenn ich 30 Grad möchte und mein Kollege am Nebentisch sich bei 18 Grad wohlfühlt. Trotzdem lassen sich Licht und Klima in hohem Maß individuell steuern. Und was dazu immer wichtiger wird, ist eine abwechslungsreiche Arbeitsumgebung, die den verschiedenen Tätigkeiten und Vorlieben angepasst ist.

PROFILE: Was hat sich durch die Erfahrung der Pandemie geändert? Wir haben im Büro wegen Corona höhere Trennwände eingebaut – die sind auf Wunsch der Mitarbeiter geblieben. Es gibt einfach ein Bedürfnis nach visueller und akustischer Abschirmung. Mich nervt es ja auch, wenn ein Kollege stundenlang lautstark telefoniert. Auf der anderen Seite ist es für viele Mitarbeiter in der Pandemie ein echtes Anliegen geworden, nach der Arbeit mit den Kollegen noch ein gemeinsames Getränk zu nehmen, wenn sie schon mal im Büro sind. Deswegen haben wir jetzt in der Küche einen Bartresen eingebaut.

PROFILE: Werden wir denn im Jahr 2050 überhaupt noch ins Büro fahren? Große Arbeitgeber denken schon sehr viel mehr darüber nach, was für jeden einzelnen ihrer Mitarbeiter gerade wichtig ist. Einige sind im Homeoffice gut aufgehoben, weil sie zum Beispiel kleine Kinder betreuen und dort große Teile ihrer Arbeit konzentriert machen können. Andere brauchen das Büro als Ort des Zusammenkommens. Wir haben gelernt, dass es Kreativität und Innovation schwer haben, wenn wir uns nur am Bildschirm sehen. Insofern wird das Büro für die Kollaboration immer wichtiger.

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