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Interview

Wege zur Nachhaltigkeit

Städte sind die großartigste Erfindung der Menschheit, sagt der Stadtplaner Maarten A. Hajer. Zugleich seien sie Monster, die uns zu verschlingen drohen. Doch der niederländische Professor und Politikberater glaubt daran, dass wir das Monster zähmen können. Von düsteren Klima-Dystopien hält er nichts. Stattdessen setzt er auf die Kraft der Vorstellung.

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PROFILE : Herr Hajer, worauf verzichten Sie für das Klima?


Maarten A. Hajer: Ich habe meine Flugreisen deutlich reduziert und esse nur noch einmal die Woche Fleisch. Die beste Entscheidung war aber, ein kleines Segelboot zu kaufen, mit dem wir jetzt unsere Urlaube auf den Gewässern in und um Holland verbringen. Segeln ist eine wunderbare Metapher dafür, die Kräfte der Natur zu nutzen und gleichzeitig Spaß zu haben: eine Art grüner Hedonismus.

Viele Menschen wollen aber nicht auf ihre Gewohnheiten verzichten. Sie wollen Cabrio fahren, ihr Steak auf den Grill legen und vom Haus mit Garten träumen.
Es ist ja auch gut, Lust auf die Zukunft zu haben und nicht nur sorgenvoll auf das zu blicken, was nicht mehr möglich ist. Wir brauchen kollektive Vorstellungswelten von neuen, wünschenswerten Zukünften.

Zukünfte? Gibt es mehrere?
Ich sehe die Zukunft immer als Plural. Es gibt mehrere mögliche Zukünfte. Gerade die fehlende Pluralität von positiven Vorstellungen macht es schwierig, jetzt gute Entscheidungen zu treffen. Wir brauchen Leitbilder, die uns als Wegweiser dienen, wie ein urbanes Leben in der postfossilen Stadt der Zukunft aussehen könnte. Dann erst erscheinen alle Probleme nicht länger riesig und unüberwindbar.

Aber sind sie nicht riesig?
Ich habe keine Angst vor den Herausforderungen. Wovor ich Angst habe, ist, dass wir die Risiken sehen, aber keine Vorstellungen entwickeln, wie wir ihnen begegnen können. Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, muss der Wandel an allen Fronten sofort beginnen: Mobilität, Wohnen, Energie, Nahrungsmittel …

Das hört sich unglaublich komplex an.
Stimmt, deswegen sehe ich noch einen zweiten Ansatz, der eher das evolutionäre Potenzial der Gegenwart nutzt. Die Menschen müssen daran glauben, dass eine nachhaltige Zukunft funktioniert. Und das geht gut, wenn sie Innovationen sehen, die schon anderswo funktionieren. Unsere moderne Zeit macht es möglich, dass wir viel schneller aus den Fehlern und den Erfolgen von anderen lernen können als früher.

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In der Metropole Barcelona entstehen immer mehr autofreie Superblocks, die Lebensraum Korridore schaffen.
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Die dänische Hauptstadt Kopenhagen will als weltweit erste Stadt 2025 klimaneutral sein. Dazu gehören auch alternative Mobilitätskonzepte.

Wie sieht das in der Praxis aus?
Wir brauchen einen internationalen Austausch von guten Ideen zwischen Politik, Unternehmen und NGOs. Viele Wohnungsbauunternehmen sind hier schon aktiv. Auch viele Kommunen sehen sich um, wo andere erfolgreich sind. In Kopenhagen zum Beispiel laufen einige Sachen schon sehr gut, etwa die klimaneutrale Versorgung von Gebäuden mit Fernwärme.

Warum läuft es dort?
Weil die Dänen nicht immer auf das allerneueste Hightech gesetzt haben. Fernwärme gibt es seit Ewigkeiten. In Kopenhagen hat man sie klimafreundlich modernisiert. Wir hingegen setzen ganz stark auf höchste Effizienz und den letzten Stand der Technik, aber dadurch verzögert sich die Umsetzung immer wieder – und die Leute warten ab. Es könnte ja noch etwas Besseres kommen.

Also sind die Kommunen gefragt?
Noch besser wäre es, wenn wir unsere Energie selbst produzieren. So wird uns klar, wie viel Energie wir brauchen. Wenn ich Energie selbst erzeuge und dann vielleicht noch mit meinen Nachbarn in einem smarten Netz teile, bin ich viel weniger abhängig von der Außenwelt.

Aber werden Menschen in der Stadt jemals autark sein?
Nein. Aber wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens wirklich erreichen wollen, wird die Stadt ein Ort großer Veränderungen sein. Die gegenwärtige Art des Städtebaus ist unhaltbar, sowohl im Hinblick auf das Bauwesen als auch auf die sozialräumliche Organisation der Städte. Wir brauchen Städte, die sozial und ökologisch funktionieren.

Gibt es mit Corona nicht eher eine Bewegung raus aus der Stadt?
Auf globaler Ebene bleibt Urbanisierung der Megatrend. Wenn es so weitergeht wie bisher, mit sozial voneinander abgegrenzten Vierteln und einer Mittelschicht, die in Vororte zieht, die man nur mit dem privaten PKW erreicht, dann gibt es einfach keine nachhaltige Zukunft. Aber es gibt ja Alternativen. Städte wie Paris, Barcelona oder London machen sich schon Gedanken darüber, wie sie Arbeit und Leben der Menschen wieder näher zusammenbringen.

Also wäre die Stadt der kurzen Wege die Lösung?
In vielen Stadtbezirken Londons stehen die Läden leer, weil die Menschen online einkaufen. Eine Lösung für den Leerstand wären Zweitbüros. Das würde den Alltag für Leute einfacher machen, die ihre Kinder zumindest an manchen Tagen zu Fuß aus der Kita abholen könnten. Es wäre auch gut für das Viertel, weil es wiederbelebt würde. Das meinen wir mit sozialer und ökologischer Urbanisierung. Würde man aus den Läden Wohnungen machen, wäre der öffentliche Raum mit seiner Lebendigkeit verloren.

Ein Zweitbüro ist ja auch geselliger als ein einsames Homeoffice...
… zumal ganz klar ist, dass wir die Quadratmeterzahl privater Wohnungen reduzieren müssen, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen. Trotzdem haben wir immer größere Wohnungen und ziehen immer weiter nach draußen. Beides muss sich ändern.

Wie können Architekten und Planer diesen neuen Urbanismus umsetzen?
Statt Pessimismus und Angst brauchen wir ein neues Denken darüber, was ein gutes Leben wirklich ausmacht, einen grünen Hedonismus. Die Leute sollen sagen: Ich kann in meiner Nachbarschaft privates und gesellschaftliches Leben so angenehm verbinden, dass ich dafür eine kleinere Wohnung gerne in Kauf nehme. Die urbane Zukunft gehört nicht dem Privatbesitz, sondern lebenswerten, geteilten städtischen Räumen.

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