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Neugier und eine Portion Mut

Ein Schwerpunktthema der BAU 2019 war die Digitalisierung, bei der Virtual Reality zusätzlich zu den entsprechenden Planungstools für die Prozesskette eine größere Rolle spielt.

PROFILE: Was interessiert Sie an den digitalen Technologien in Ihrem Berufsalltag?

Dr. C. Herrmann: Als Berater im Bereich der Unternehmensentwicklung unterstützen wir verschiedene Unternehmen vor allem im Bereich Strategie und Marketing sowie Innovationsmanagement und Digitalisierung. Von daher interessieren mich besonders die Themen Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) in der Anwendung. Hier muss man die technischen Lösungen allerdings differenziert betrachten. VR kann in einem bestimmten Kontext sinnvoll sein, aber für viele Menschen ist VR noch zu kompliziert. Sie werden durch das Tragen der Brillen zu sehr aus dem realen Kontext herausgerissen. Viele unserer Kunden überspringen daher diesen Schritt und warten darauf, dass ihnen Augmented Reality, also die Verknüpfung der tatsächlichen Realität mit neuen digitalen Technologien, bessere Lösungen in puncto Nutzerfreundlichkeit und Entwicklungen bietet.

PROFILE: Geben Sie mir ein Beispiel hierfür?

Dr. C. Herrmann: Wäre es nicht fantastisch, wenn man ein Foto von einem Gebäude machen und mittels AR gleich überprüfen könnte, wie ein neues Fassadensystem anstelle der bestehenden Hülle aussehen würde? Und zwar innerhalb von Sekunden, das ist ein echter Mehrwert, der über bloße technische Spielereien weit hinausreicht.

PROFILE: Was können Sie zum Thema Schüco und Digitalisierung sagen?

Dr. C. Herrmann: Schüco setzt im Bereich Digitalisierung eine Benchmark, weil das Unternehmen bei der Digitalisierung konsequent vernetzt denkt und die gesamte Prozesskette im Blick hat. Viele Anbieter entwickeln isolierte Lösungen für einzelne Teile der Wertschöpfungskette, was auch seine Berechtigung hat, aber Schüco denkt da in einer ganzheitlichen Strategie. Es wurde an verschiedenen Punkten angesetzt, zum Beispiel für den inspirativen Part über archipinion oder für den BIM­orientierten Planungsprozess über Plan.One, wo man auch gleich passende Produkte und ihre Hersteller suchen kann. Das sind alles wichtige Bausteine, denn entscheidend ist am Ende nur die funktionierende Prozesskette.

PROFILE: Wo besteht aus Ihrer Sicht noch Handlungsbedarf?

Dr. C. Herrmann: Setzt man am Beginn der Prozesskette an, könnte der inspirative und informative Part noch stärker ausgebaut werden. Bei der Vielfalt der Möglichkeiten laufen selbst Architekten und Planer Gefahr, den Überblick über die Anbieter­ und Produktlandschaft zu verlieren. Wir befinden uns hier an der Schnittstelle von Architektur, Gestaltung und Technik. Neue digitale Technologien ermöglichen neue kreative Auswahl­ und Gestaltungsmöglichkeiten. Von Haus aus sind Architekten ja sehr technikaffin. Sie arbeiten seit langem mit CAD­Programmen, zunehmend auch mit BIM. Sie sind daher offen für die digitale Welt. Wenn es um ihre Kernkompetenz, die Kreativität, geht und darum, den Entwurfsprozess um neue technische Möglichkeiten anzureichern, tun sie sich häufig schwer. Auch hier wird der Wettbewerb den Markt verändern.

PROFILE: Da sind wir schnell bei der Künstlichen Intelligenz (KI). Wenn die Cloud ein optimiertes Gebäude erstellen kann – braucht es dann den Architekten noch?

Dr. C. Herrmann: Das ist die große Frage und zugleich die Herausforderung der Digitalisierung in allen Branchen. Sie wird bestimmte Teile der bisherigen Architektenarbeit obsolet machen. Dafür schafft sie an anderer Stelle aber auch neue kreative Freiräume für die Arbeit von Architekten und Planern. Welcher Architekt hat heute beispielsweise noch Zeit, seine Bauherren umfassend zu beraten? Die meisten Architekten und Architektinnen, die ich kenne, haben mit einem enormen Zeit­, Arbeits­ und Preisdruck zu kämpfen. Je mehr ihnen die Digitalisierung die Arbeit erleichtert, umso mehr haben sie wieder Zeit, sich auf ihre wichtige Experten­ und Beratungsfunktion zu konzentrieren. Das Bauen wird sich verändern, nicht nur aus technologischen, sondern auch aus ökologischen, ressourcentechnischen Gründen. Die Digitalisierung ist sicherlich eine Herausforderung für den Berufsstand des Architekten. Sie bietet den Planern vor allem aber auch wichtige Chancen, den eigenen Beruf neu zu erfinden.

Foto: hm+p