1. Verarbeiter
  2. Magazin
  3. Alle Beiträge
  4. Günstiger Lebenszyklus
Zur Übersicht

Günstiger Lebenszyklus

Eine aktuelle Studie zu Fenster- und Fassadenmaterialien hat Aluminium, Holz und PVC unter ökologischen, wirtschaftlichen, funktionalen und sozialen Aspekten miteinander verglichen. Die Ergebnisse überraschen – lesen Sie mehr dazu im Interview mit den Experten Dr. Peter Mösle und Johannes Kreißig.

Dr. Peter Mösle, Geschäftsführer und Partner bei Drees und Sommer, und Johannes Kreißig, Vice President Building & Contruction bei Thinkstep betreuten die Untersuchung als Experten. Die Studie wurde im Auftrag der European Aluminium Association (EEA) nach streng wissenschaftlichen Kriterien und internationalen Normen durchgeführt.

Partner Magazin: Das Thema „Nachhaltige Gebäude ist mittlerweile fest verankert im öff entlichen Bewusstsein. Warum ist das so?
Dr. Mösle: In den 1990er-Jahren hat man angefangen, über die Energieeffizienz von Gebäuden nachzudenken. Neben klassischen Komfortthemen wie Tageslichteinfall oder Raumklima kamen jetzt Fragen rund um den Lebenszyklus und die Ökobilanz von Gebäuden hinzu. Auch das Thema „Recycling von Werkstoff en“ rückte auf die Agenda. Heute ist es längst Usus, Gebäude im Hinblick auf Nachhaltigkeitskriterien zu bauen; der Anteil sogenannter Green Buildings steigt rapide.

Partner Magazin: Und welchen Beitrag können dabei speziell Fenster- und Fassadensysteme leisten?
Kreißig: Einen erheblichen, denn der Gebäudesektor ist der größte Verbraucher von CO2-Emissionen, weltweit sind es 40 Prozent. Eine immer effizienter werdende Fassadenhülle ist der Schlüssel, um möglichst viel Energie einzusparen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass aufgrund von globalen Megatrends wie dem Anstieg der Weltbevölkerung und einer zunehmenden Verstädterung der Bausektor überproportional wachsen wird. Kurz: Der Verbrauch fürs Bauen selbst wird stark ansteigen – eine riesengroße Herausforderung.

Dr. Peter Mösle ist Geschäftsführer und Partner bei Drees und Sommer, einem international tätigen und führenden Beratungsunternehmen für den Bau und Immobiliensektor.

Partner Magazin: Sie vergleichen Fenster- und Fassadenelemente hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit. Gab es vorher keine Erhebungen dazu?
Kreißig: Natürlich gab es Studien, die zum Beispiel Holz- und Aluminiumfenster in puncto Energieeffi zienz miteinander verglichen haben. Aber eben nicht unter ganzheitlich nachhaltigen Gesichtspunkten. Es bestand also eine
Notwendigkeit, hier anzusetzen. Wir haben einen Kriterienkatalog entwickelt, der sowohl ökologische, wirtschaftliche,funktionale und soziale Aspekte wie zum Beispiel den Komfort berücksichtigt. Diese umfassende Bewertungsmatrix auf Basis von ISONormen und Zertifizierungssystemen haben wir dann auf standardisierte Referenzräume – Wohnhaus und Büro – angewendet.

Partner Magazin: Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Studie?
Dr. Mösle: Vorweg: Man kann nicht sagen, dass das eine Material über alle Kriterien hinweg per se besser
oder schlechter als das andere ist. Bei den energetischen Eigenschaften und dem Einfl uss auf die globale Erwärmung, dem sogenannten ökologischen Fußabdruck, schneiden alleetwa gleich ab. In Summe haben wir aber festgestellt, dass gerade Aluminium sehr gut dasteht und oft die Nase vorn hat – das hat uns schon überrascht.

Partner Magazin: Woran liegt das?
Dr. Mösle: Aluminium hat zum Beispiel sehr gute Lebenszykluskosten. Man hat zwar ein relativ großes Investitionsvolumen, aber das holt man später aufgrund der geringen Unterhaltungskosten und der hohen Beständigkeit wieder auf. Außerdem ist das Material – erwartungsgemäß – in puncto Sicherheit, zum Beispiel beim Brandschutz, unerreicht. Zudem punktet es bei den Designmöglichkeiten. Holz ist da wesentlich limitierter. Im Wohnungsbau ist Kunststoff bei den Fensterrahmen die günstigste Alternative in der Anschaffung und hat ebenfalls sehr geringe Lebenszykluskosten. Für uns ein wenig überraschend war, dass Holz bei den KriterienUmweltfreundlichkeit und Recycling nicht ganz mithalten konnte.

Johannes Kreißig ist Vice President Building & Contruction bei Thinkstep (früher PE International), einem weltweit erfahrenen Unternehmen für Softwarelösungen, strategischer Beratung und Services

Partner Magazin: Ist die Nachhaltigkeit von Holz nur ein Mythos?
Kreißig: So einfach ist es auch wieder nicht. Natürlich ist Holz als nachwachsender Naturrohstoff besonders
emotional aufgeladen, man verbindet damit Leben und Wachstum. Wenn wir aber über die Nachhaltigkeit von Holz sprechen, müssen wir das Gesamtsystem im Blick haben. Und da zeigt sich, dass Holz in der Regel beschichtet werden muss oder in der Konstruktion zum Beispiel Vorsatzschalen angebaut werden müssen. Nicht das Holz selber ist also das Problem, sondern die Anwendung im Gesamtsystem. Das hat natürlich auch Folgen für die Recyclingfähigkeit. Holz wird oftmals nicht wiederverwendet, sondern verbrannt.

Partner Magazin: Welchen Stellenwert wird die Recyclingfähigkeit in Zukunft einnehmen?
Kreißig: Alles, was wir nicht aus dem Kreislauf ausschleusen, sondern drinbehalten, müssen wir nicht zusätzlich reinbringen. Diese Kreislaufwirtschaft wird in den nächsten zehn Jahren noch enorm an Bedeutung gewinnen.Aluminium wird zum Beispiel recycelt, weil es wirtschaftlich sinnvoll ist. Im Baubereich werden fast immer die gleichen Legierungen verwendet, so konnte sich für Aluminium ein unschlagbares Recyclingsystem etablieren – die Wiederverwertungsquote liegt bei fast 100 Prozent. Das ist kein Abfallprodukt, sondern ein Wertstoff .

Partner Magazin: Welchen Mehrwert bietet die Studie Schüco und seinen Partnern?
Dr. Mösle: Mit der Mär, Holz sei das nachhaltigste Baumaterial, hat die Studie aufgeräumt. Gerade im Bereich Kosten und Lebenszyklus hat sich gezeigt, dass Aluminiumfassaden und -fenster oft günstiger sind. Und wenn ich heute ein Gebäude baue, muss ich mir auch Gedanken darüber machen, wie wertstabil meine eingesetzten Rohstoff e sind. Hier bietet gerade Aluminium große Vorteile.

Partner Magazin: Eine kritische Frage zum Schluss: Auftraggeber der Studie war die European Aluminium Association. Wie objektiv sind die Ergebnisse?
Kreißig: Unsere Unternehmen sind per se neutral – und dieses Alleinstellungsmerkmal aufzugeben, wäre glatter Selbstmord. Zumal wir auch noch Mandanten aus anderen Branchen betreuen. Die Studie ist nach streng wissenschaftlichen Kriterien erstellt worden. Beispielsweise gibt es für die Erhebung der Ökobilanz internationale Normen, die uns ein klares Prozedere vorgeben. Außerdem gab es eine kritische Prüfung dermStudie, um die Glaubwürdigkeit zu gewährleisten.

Die Studie zum Download