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Schaufenster des Handwerks

Der demografische und technologische Wandel fordert viele Handwerksunternehmen heraus: Einerseits gibt es immer weniger Fachkräfte, andererseits verlangt der vermehrte Einsatz von Gebäudetechnologie ein größeres Fachwissen. Hier ist Unterstützung gefragt, etwa von den Kammern. Großes Engagement zeigt die Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld. Sie setzt mit dem Campus Handwerk ein Zeichen: Das Gebäude wird ein Zentrum für Aus- und Weiterbildung, ein Kompetenzzentrum für intelligente Gebäudetechnologie sowie der Verwaltungssitz. Lesen Sie wie sich die bauliche Gestaltung mit den Zielen der Bauherrin verträgt, welche Systeme zur Ausführung kommen, wie Partner die Situation um Nachwuchs und Ausbildung einschätzen und was Lena Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer OWL, zum Neubau sagt.

Wer mit dem Zug an dem zentral gelegenen neuen Campus Handwerk in Bielefeld vorbeifährt, kann direkt in die hochmodern ausgestatteten Werkstätten gucken. Diese Einblicke sind gewollt. Denn hier entsteht ein Schaufenster für das Handwerk – der neue Gebäudekomplex der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe. Er vereint – in einer bisher in Deutschland einzigartigen Weise – drei Bereiche: ein Zentrum für Aus- und Weiterbildung, ein Kompetenzzentrum für intelligente Gebäudetechnologie sowie den Verwaltungssitz. In dem Neubau werden nun ehemals in der Region verstreut liegende Bildungseinrichtungen gebündelt. Damit will die Handwerkskammer, neben der Erfüllung ihrer originären Aufgaben sowie technischer und betriebswirtschaftlicher Beratung, vor allem eins erreichen: „Wir wollen in einem High-Level-Gebäude für moderne Ausbildungskonzepte Fachkräfte ausbilden“, so die Präsidentin der Handwerkskammer Lena Strothmann (mehr dazu im Interview).

Auf dem rund 22.000 Quadratmeter großen Grundstück entsteht in der Nähe des Bielefelder Hauptbahnhofs derzeit für rund 64 Millionen Euro ein Zentrum für das regionale Handwerk.

Die Entwurfsidee

Der Gebäudekomplex setzt sich auf einer fast quadratischen Grundfläche aus einem sieben geschossigen Hochhaus, einem viergeschossigen Werkstattteil und Lichthöfen zusammen. Dazu Projektleiter Stefan Röhrig von Sander Hofrichter Architekten GmbH aus Ludwigshafen:„Es galt, einen prägnanten und kompakten Baukörper in einem abfallenden Gelände zu schaffen, der kurze Wege ermöglicht.“ Rund 85 Prozent des etwa 15.300 Quadratmeter großen Gebäudes sind für die Ausbildung von Lehrlingen, Gesellen und Meistern vorgesehen. Der Verwaltungsbereich fällt dagegen eher klein aus: Er befindet sich in den beiden oberen Geschossen des Hochhauses. Darunter liegen die Wohnbereiche für Seminarteilnehmer
mit 35 Einzelzimmern, zahlreiche Seminarräume, vier individuell teilbare Lehr- und Vortragssäle über zwei Etagen und die Mensa. „Die Fassade im Hochhaus ist mit Bandfenstern
und anthrazitfarbenem Klinker ausgeführt. Das Mauerwerk hat einen sehr handwerklichen Charakter und passt damit gut zur Kammer“, so Stefan Röhrig. Sehr technisch wird es dann im Werkstattbereich: Raumhoch verglaste Fenster fügen sich in die dreidimensionale Fassade des
viergeschossigen Baus ein.

Klar strukturiert: Blick auf den Verwaltungsbau und Teile des Werkstattgebäudes

Über 300 Detailabstimmungen

„Die Konstruktion der Fassade mit ihren Vor- und Rücksprüngen kann man sich wie ein Bücherregal vorstellen“, so Projektleiter Stefan Röhrig: „Die Pfosten-Riegel-Fassade bildet die stabile Rückwand, die Schaufenster sind die Front und die Blechverkleidungen bilden die Horizontalen und die Vertikalen.“ Der Vorteil: „Die Blechverkleidung ist hohl und kann deshalb sehr elegant den Sonnenschutz aufnehmen.“ Zuständig für diese Fassade und die Pfosten-Riegel-Fassade im Lichthof war NR Metallbau GmbH aus Straelen, seit über 30 Jahren Schüco Partner. Ein zweiter Schüco Partner, die Firma Radeburger aus Radeburg, war für die Bandfensterfassade und die zweigeschossigen Fensterelemente am Hochhaus zuständig. „Diese Arbeitsteilung bot sich aufgrund der unterschiedlichen Fassadenarten an und brachte uns einen zeitlichen Vorteil“, so Projektleiter Röhrig. „Dabei hat natürlich jede Firma ihre Herangehensweise und ein guter Austausch ist gefragt. Insgesamt haben wir etwa 300 Details mit den beiden Gewerken abgestimmt.“ Zwei Beispiele für Sonderlösungen im Bereich der Werkstattfassade beschreibt Johannes Huisman von NR Metallbau: „Statt einer ursprünglich vorgesehenen Silikonfuge haben wir eine Befestigungsleiste eingesetzt, die optisch kaum auffällt.“

Mit der transparenten Fassade öffnet sich das Gebäude nicht nur nach außen, auch Einblicke in die Werkstätten sind gewünscht.

Eine formschöne und systemnahe Lösung, von der sich Architekten und Bauherren bei
einem Besuch im Schüco Showroom in Bielefeld überzeugen konnten. Bei einer weiteren Sonderlösung ging es um die Befestigung: „Wir haben die Fassadenschwerter aus Stahl, anstatt sie im Deckenkopfbereich des Rohbaus zu befestigen, in die Pfosten eingebunden. Dadurch werden die Dichtebenen nicht unnötig durchdrungen und Schwachpunkte in der Fassade vermieden.“ Und Architekt Stefan Röhrig ergänzt: „Ein toller Trick, den NR Metallbau entwickelt hat. Die hohen Lasten werden einfach über die Schwerter in die Pfosten-Riegel-Fassade eingeleitet.“ Zum Einsatz kamen die Schüco Fassade FW 50+, für Fenster AWS 75 BS.HI und Türen ADS 75 HD.HI. Im Schnitt war NR-Metallbau mit 20 Mitarbeitern auf der Baustelle, mittlerweile ist die Fassade „regendicht“. Die Fertigstellung des Campus Handwerk ist für Herbst 2015 geplant.

Verwaltungs- und Werkstattgebäude sind über eine Brücke miteinander verbunden. Über einen ansprechenden Platz gelangt man später von hier zum Foyer im Innenhof.

Vertrauen und Erfahrung

„Was aus meiner Sicht für eine gute Kooperationmit dem Handwerk unverzichtbar ist? Vertrauen und Erfahrung. Während Architekten früher gern den erfahrenen Handwerker angesprochen haben, um gemeinsam Lösungen für Entwurfs ideen zu entwickeln, werden heutzutage häufig Lösungen auf einen rein technischen Prozess heruntergebrochen. Dabei können massive Fehler passieren.“

Stefan Röhrig, Sander Hofrichter Architekten GmbH, Ludwigshafen

Wichtiges Aushängeschild

„Der Campus Handwerk ist für uns als mittelständischer Handwerksbetrieb ein wichtiges Aushängeschild. Wir sind davon überzeugt, nur dann erfolgreich sein zu können, wenn wir uns auf unsere Ausbildungsverantwortung konzentrieren. Derzeit bilden wir 11 junge Menschen in verschiedenen Berufen aus. Der technologische wie demografische Wandel ist für uns sehr eng miteinander verknüpft. Ohne den permanenten Dialog von Mitarbeitern aller Altersgruppen geht das Wichtigste verloren, was ein Unternehmen hat: Fachkompetenz und Erfahrung.“

Johannes Huisman, NR Metallbau GmbH, Straelen

„Immer wieder neue Märkte und Nischen finden“

Die Handwerkskammer Ostwestfalen setzt mit ihrem Neubau ein Zeichen für die Zukunft. Im Interview spricht Lena Strothmann, Präsidentin der Handwerkskammer, über die Ziele, die mit dem Campus Handwerk erreicht werden sollen und welche
Voraussetzungen ein Handwerksunternehmen heute erfüllen muss, um auch künftig erfolgreich sein zu können.

Frau Strothmann, der Campus Handwerk wird ein Bildungszentrum für Aus- und Weiterbildung, ein Kompetenzzentrum intelligenter Gebäudetechnologie sowie der Verwaltungssitz. Welches Ziel verfolgen Sie mit der Zusammenführung der Bereiche?
Wir haben den Anspruch, unsere Betriebe in allen Lebensphasen zu unterstützen: von der Gründung über Wachstum und Veränderung bis hin zur Nachfolgeberatung. Als kompetenter Ansprechpartner wollen wir mit dem Neubau Synergien heben, Kompetenz vorantreiben und für das regionale Handwerk Identifikation schaffen. Mit dem Campus Handwerk vereinen wir Bereiche, die sich vorher an unterschiedlichen Standorten befunden haben. Damit vernetzen wir Beratung und Bildung. Kunden wie unseren Mitarbeitern bieten wir kurze Wege und gute Erreichbarkeit. Ist man nah beieinander,lassen sich Ressourcen effizienter nutzen. Die Zusammenführung unserer drei Säulen Verwaltung, Bildung und Kompetenz-Zentrum ist – und darauf sind wir sehr stolz – bisher bundesweit einmalig.

Die Fassade ist fertig, nach und nach werden die Gerüste abmontiert.

Das Handwerk muss den demografischen und technologischen Wandel meistern. Wie unterstützen Sie die Betriebe bei dieser Aufgabe?

Der demografische Wandel und der damit verbundene Fachkräftemangel ist „Immer wieder neue Märkte und Nischen finden“ schon jetzt ein Problem und wird sich potenzieren. Die Lehrlingszahlen nehmen bereits ab. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen junge Menschen für das Handwerk zu gewinnen und machen auf die Karrieremöglichkeiten im Handwerk aufmerksam: Schließlich ist eine Lehre keine Einbahnstraße. Die Berufsbildung ist sehr durchlässig geworden und es gibt viele Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten.Und hier kommen wir zur anderen Herausforderung: dem technischen Fortschritt. Er schlägt sich in den meisten Berufen nieder – die Digitalisierung erreicht fast alle Lebensbereiche.

Mit unserem neuen Kompetenzzentrum „Technisches Facility-Management, Energie- und Gebäudetechnik“ bieten wir Unterstützung. Vernetzte Gebäude sind ein absolutes Zukunftsthema und dem widmen wir uns. Der Vorsatz, dies in diesem nun realisierten Umfang anbieten zu können, gab vor sechs Jahren den Ausschlag zum Campus Handwerk. Schließlich können Unternehmen nur Qualität bieten, wenn sie gut ausgebildete Mitarbeiter haben – und da schließt sich dann der Kreis wieder.

Durch die Vor- und Rücksprünge wirkt die Werkstattfassade dreidimensional und technisch.

Inwieweit spiegelt die Ausstattung des Gebäudes Ihren Anspruch an moderne Ausbildungskonzepte wider?

Der Architekten-Wettbewerb hatte die Zielvorgabe, Transparenz und Modernität zu schaffen und ausgereifte Technik einzusetzen. Das ist,
wofür das Handwerk steht, und das zeigen jetzt die Fassaden und die Gebäudeausgestaltung. Die Werkstätten sind modernen Lehranforderungen
nachempfunden und flexible Elemente erlauben eine Veränderung der Räume nach einer Art Baukastensystem. Wir wollten eine nachhaltige Lösung, schließlich ist das Gebäude nicht nur für eine Generation gedacht.

Warum haben sich die eingesetzten Schüco Systeme gut für den Neubau geeignet?
Der Ausbau war natürlich Teil der Ausschreibung. Die Architekten und Planer forderten
von den eingesetzten Systemen Wirtschaftlichkeit, leichte Handhabung, Langlebig- und Nachhaltigkeit. Und mit den verwendeten Elementen lassen sich eben alle Bedingungen realisieren – auch in Bezug auf die Klimaziele.

Was hat Ihnen persönlich am Entwurf am besten gefallen?
Aufgabe der Architekten war, ein Schaufenster für das Handwerk zu schaffen.
Und das haben sie mit der Werkstattfassade, die toll von der Bahn aus zu sehen ist, gelöst. Außerdem gefallen mir die klare Gebäudestruktur und die Großzügigkeit. Das Haus ist durchgängig hell und licht. Ich bin ein Mensch der Licht braucht, und das hat mich bei dem Entwurf sehr beeindruckt.

Ein Sprichwort sagt, Handwerk hat goldenen Boden – in OWL haben Bau- und Ausbauberufe gerade Hochkonjunktur. Welche Voraussetzungen muss ein Handwerksunternehmen erfüllen, damit das so bleibt?

Genau das tun, was das Handwerk ausmacht: Qualitätsarbeit und Innovation liefern. Und mit Innovation meine ich nicht die großen Erfindungen, sondern: Es gilt, die Anforderungen zu meistern, die Kunden jeden Tag stellen. Manchmal sind es kleine, manchmal etwas kompliziertere Dinge, für die man als Problemlöser vor Ort auftritt. Und natürlich gehören auch die individuellen Angebote, im Gegensatz zur Industrie, zum Erfolg.
Handwerker sind auch Dienstleis ter. Außerdem ist wichtig, sich und die Mitarbeiter weiterzubilden, um mit dem technischen Fortschritt Stand zu halten und neue Ideen zu entwickeln. Schließlich muss man immer wieder neue Märkte oder Nischen finden.

Wir haben den Anspruch, unsere Betriebe in allen Lebensphasen zu unterstützen.

Lena Strothmann

  • Seit 1998 Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe
    zu Bielefeld
  • 1999–2014 Mitglied des Mittelstandsbeirats beim Bundesministerium
    für Wirtschaft
  • Seit 2005 Mitglied des Präsidiums des Zentralverbands des Deutschen
    Handwerks (ZDH)
  • Mitglied des Bundestages seit 2003


Mehr Infos:
www.lena-strothmann.de/persoenlich

Der Campus Handwerk – Zahlen und Fakten

Flächen und Rauminhalte

  • Nutzfläche: 15.376 m2
  • Bruttogrundfläche: 24.315 m2
  • Bruttorauminhalt: 105.982 m3

Architekten

  • Sander Hofrichter Architekten GmbH, Ludwigshafen: Generalplaner
    und ausführendes Architekturbüro www.a-sh.de

Ausgeführte Schüco Systeme

  • Fassade Schüco FW 50+, Fenster Schüco AWS 75 BS.HI und
    Türen Schüco ADS 75 HD.HI

Ausführende Schüco Partner

Ausbildung und Showroom bei Schüco