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Transformation als Gestaltungsprinzip – Wohntürme »Friends«

Nicht nur in der identitätsstiftenden Formensprache der Fassade, sondern auch durch die architektonische Umsetzung eines Sharing-Konzepts als zukunftstaugliches Wohnmodell sind die beiden Wohnhochhäuser „Friends“ am Münchner Hirschgarten ein gelungenes Beispiel für den Wandel urbanen Wohnens.

Objekt:
Wohnhochhäuser "Friends“ am Hirschgarten
Standort:
Birketweg, 80639 München
Bauherr:
LBBW Immobilien Capital GmbH, Stuttgart
Projektentwicklung:
Architekturbüro Allmann Sattler Wappner Architekten, München
Ausführungsplanung:
a+p Architekten, München
Fassadenplanung:
Fassadenbau Feldhaus Fenster + Fassaden GmbH & Co. KG, Emsdetten, Heidersberger Fassadenbau, Greven (Arbeitsgemeinschaft)

Plastische Ausformungen an der Fassade verdichten sich mit umlaufender Bandwirkung von den unteren zu den oberen Geschossen.

Tragwerksplanung:
bwp Burggraf + Reiminger Beratende Ingenieure mbH, Leinfelden - Echterdingen
Schallschutz:
PMI GmbH, Unterhaching
Schüco System:
AWS 75.SI+

„Wohnen“ war im Siegerentwurf von Allmann Sattler Wappner Architekten im Realisierungs-wettbewerb 2008 für die beiden neben einander liegenden Grundstücke auf dem als Misch- und Kerngebiet ausgeschriebenem Areal zunächst keine Planungsgrundlage, sondern eine prozentuale Nutzungsoption. Im Kontext des städtebaulichen Entwicklungsprozesses „Am Hirschgarten“ schien es an diesem Ort zunächst sinnvoll, das angrenzende neue Wohngebiet um eine urbane Infrastruktur mit Quartierszentrum, bestehend aus Einzelhandel und Bürobauten, zu ergänzen. Ein Jahr nach dem Wettbewerb führten die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu einer Veränderung der Büromarktlage in München. Investoren wurden vorsichtiger, der Bedarf an Büroflächen stagnierte, so dass man die Realisierung der im Wettbewerb geplanten Bürotürme und weiterer Bausteine auf dem südlichen Grundstück zunächst zurückstellte. Erst 2012 als in München zunehmend die enormen Versäumnisse im Wohnungsbau spürbar wurden und sich der Erfolg des Stadtquartiers Am Hirschgarten abzeichnete, begann man, die Möglichkeit für einen partiellen Wohnungsbau an dieser Stelle zu untersuchen. Auf Basis einer vom Entwickler, der LBBW Capital Immobilien GmbH, initiierten Marktanalyse wurde ein Sharing-Konzept als Modell für zukünftiges Wohnen entwickelt. Bei der Umsetzung in ein adäquates architektonisches Konzept perfektionierten die Architekten die Erschließungskerne inklusive der notwendigen Technikstränge, um eine flexiblere räumliche Bandbreite bestens belichteter Wohneinheiten zu schaffen.

Alle Wohneinheiten werden dabei effizient um den jeweils zentral gelegenen Versorgungskern für Küche, Bad und Nebennutzungen, den sogenannten „Cube“, organisiert. Zudem werden in beiden Türmen Gemeinschafträume angeboten. Diese effiziente Überlagerung von privatem und gemeinschaftlichem Raum basiert auf dem urbanen Grundgedanken für zukunftsweisende Stadthaustypologien. Jeder Wohnraum wird über raumhohe Fassadenelemente und gefaltete Erker in den umgebenden Stadtraum hinein optisch maximal vergrößert und ermöglicht weitreichende Panoramablicke über Stadt und Umland.

Durch den gefalteten Diagonalschnitt des klassischen rechteckigen Erkers entsteht eine größere Raumabwicklung und insgesamt mehr Fläche.

„Was macht Wohnen aus?“

Interview mit Prof. Ludwig Wappner, Büro Allmann Sattler Wappner Architekten, über die konzeptionelle Weiterentwicklung der Fassaden im Transformationsprozess der ursprünglich für Büronutzung geplanten Wohnhochhäuser »Friends« am Hirschgarten.

PROFILE: Welche Rolle spielt die Materialität der Fassaden bei den Wohntürmen?

Ludwig Wappner: Ein wesentliches Prinzip unseres Wettbewerbsentwurfs war, das Fassadengrid als Ordnungsprinzip unter wechselnden Parametern zu variieren. Dieses bereits beim „Forum am Hirschgarten“ erprobte Konzept haben wir für die beiden Wohnhochhäuser und den benachbarten Büro- und Hotelkomplex weiterentwickelt. Alle raumbildenden Bausteine im direkten Kontext des neuen Stadtquartiers zeichnen sich durch eine strukturelle und farbliche Gemeinsamkeit sowie verschiedenartige Varianten an Fassadenfüllungen mit unterschiedlicher Materialität aus. Die gestalterisch und funktional gewählte Metallfassade mit den raumhohen erkerartigen Öffnungen der beiden Wohnhochhäuser zeigt die Potenziale der maximalen Fassadenöffnung innerhalb des Fassadengrids aus dem Wettbewerb.

Profile: Woraus resultiert die ungewöhnliche Faltung der Fassade, mit der sich die Wohntürme identitätsstiftend von den anderen Bausteinen des neuen Stadtquartiers abheben?

Ludwig Wappner: Wir haben uns gefragt: Was macht Wohnen in dieser Stadtlage aus? Die gefalteten Erker, die baurechtlich als untergeordnete Bauteile bezeichnet werden, konnten zu einem prozentualen Anteil über die gesamte Fassade verteilt werden und schienen als die räumlich und funktional beste Antwort auf großzügiges städtisches Wohnen. Die zusätzlich gewonnene Wohnfläche schafft für jede Wohneinheit eine unverwechselbare urbane Raumqualität. Durch die Faltung von zwei dreieckigen Schnittflächen eines rechteckigen Erkers konnten wir bei gleicher Flächenanrechnung eine spürbar größere räumliche Abwicklung erzeugen. Die über die Höhe und in den Ebenen versetzt rhythmisierten plastischen Ausformungen des Fassadenkleids verleihen den Türmen ihre gestalterische Faszination.

Interview mit Walter, Stolz Architekt

PROFILE: Sie arbeiten als deutscher Architekt auch im asiatischen Raum mit Schüco Produkten, so in einem Wohnhausprojekt in Myanmar. Ist es nicht sinnvoller, mit einem lokalen Partner zu arbeiten?

Walter Stolz: Wir haben in Myanmar sehr große Ver glasungen verwendet, die hohe energetische Anforderungen hatten. Das war mit den einheimischen Materialien und Produkten nicht zu realisieren. Daher mein Vorschlag an den Bauherrn, Schüco Systeme zu verwenden. Glücklicher weise hat er mir zugestimmt.

PROFILE: Sehen Sie das Unternehmen als Technologie- und Innovationsgeber?

Walter Stolz: Da bin ich mir sicher. Ich kenne Schüco aus meiner langjährigen Berufstätigkeit und wusste, dass die Produkte über weite, aber doch mögliche Wege in Myanmar zur Baustelle kommen. Stellen Sie sich vor: Großflächige Verglasungen, breite Schiebetüren mit 2,5 Metern Öffnungsbreite. Wir wollten dafür keine Kunststoffoder Holzfenster aus der Region verbauen, denn sie wären niemals dicht gewesen. Die Technologie, das Know-how von Schüco waren wichtig, um das Projekt bestmöglich zu realisieren.

PROFILE: Welchen Stellenwert hat nachhaltiges Bauen für Sie?

Walter Stolz: Einen sehr hohen Stellenwert. Aus diesem Grund habe ich den Technologieaspekt bei dem Wohnhaus in Myanmar so in den Vordergrund gestellt. Ich musste ja sowohl das Glas als auch die Aluminiumprofile aus Deutschland importieren. Die Nachhaltigkeit besteht für mich darin, dass wir die großen Verglasungen mit thermisch getrennten Profilen und Doppelverglasung ausführen konnten. Bereits jetzt, nur wenige Monate nachdem das Gebäude bezogen wurde, zeigt sich: Der Aufwand für die Klimaanlage fällt deutlich geringer aus, als für vergleichbare Gebäude vor Ort mit Holzfenstern und Einfachverglasung. Nachhaltigkeit ergibt sich für mich durch Technologie. Hinzu kommt, dass Schüco fast ewig lang hält. Ich arbeite seit über dreißig Jahren mit den Bielefeldern. Und die Bauten von damals stehen alle noch gut da!

Text: Uta Leconte
Fotos: Brigida González, Myrzik & Jarisch und Schüco International KG