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Wo das Digitale auf das Physikalische trifft: Die Verbindung von Bits und Atomen

Partizipatorisches Design gewinnt weltweit an Bedeutung. In Europa zeigt sich das auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig und in der Suche nach neuen Wohnmodellen. Im Gespräch mit Professor Carlo Ratti, dem Direktor des Senseable City Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT), erfahren wir mehr über dessen multidisziplinäre Forschungsinitiative, die die Interaktion zwischen Menschen, digitaler Technologie und Stadt erkundet.

PROFILE: Wenn Sie die Schnittstelle zwischen Menschen, Technologie und Stadt untersuchen, dann arbeiten
dabei viele verschiedene Akteure auf interdisziplinäre Weise zusammen. Wie würden Sie die Rolle der Architekten innerhalb dieses Netzwerks beschreiben?

Carlo Ratti: Ich glaube, dass es in der Architektur schon immer um die Gestaltung der Schnittstellen zwischen Mensch und Umwelt ging. Als wir in Höhlen wohnten, bestanden diese Schnittstellen vorwiegend aus Atomen; heute sind die Schnittstellen viel komplexer und Echtzeit-Informationsflüsse können nicht ausgeschlossen werden. Ich denke nicht, dass sich der Architekturbegriff geändert hat – es ist einfach eine neue Realität, der wir uns stellen müssen.
Vor diesem Hintergrund entwickelt sich die Architektur immer mehr zu einer multidisziplinären, kollaborativen Wissenschaft. Am Senseable City Lab wie auch bei Carlo Ratti Associati arbeiten wir in Teams mit Menschen aus aller Welt. Jeder von uns bringt seinen eigenen Hintergrund, seine eigenen Fähigkeiten und seine persönliche Geschichte mit. Viele kommen aus den Bereichen Architektur und Design, aber wir haben auch Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Physiker. Diese Vielfalt ist einer unserer größten Pluspunkte. Ich denke, dass die Rolle des Architekten heutzutage im Orchestrieren besteht. Er oder sie ist sozusagen ein »chorischer Architekt«. Wir sehen den Architekten als jemanden, der mehrere Stimmen koordinieren und harmonisch zu einem besseren Ensemble vereinen kann. Dieses Thema ist Gegenstand unseres Buchs »Open Source Architecture«, in dem wir für einen Paradigmenwechsel plädieren: weg von den durch starke Egos geprägten architektonischen Visionen des 20. Jahrhunderts, hin zu einem sich durch Zusammenarbeit, Inklusion und Netzwerke auszeichnenden Prozess, inspiriert durch Trends des 21. Jahrhunderts wie Crowd-Sourcing, Open Access und individualisierte Massenfertigung.

PROFILE: In Ihrer Forschung arbeiten Sie mit Partnern wie zum Beispiel Städten und Unternehmen zusammen. Welche Rolle spielen der öffentliche und private Sektor bei der Entwicklung innovativer Lösungen für den Stadtraum?

Carlo Ratti: Jede Stadt ist das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen verschiedener, miteinander zusammenarbeitender Akteure. Als Labor, das sich mit Stadtforschung befasst, müssen wir nicht nur die Sprache unserer Branchenpartner beherrschen, sondern auch mit Stadtverwaltungen, Bürgern und benachteiligten Gemeinschaften reden können. Im Kern geht es bei allem, was wir tun, um die Zusammenarbeit. Dem Staat kommt zweifellos eine wichtige Rolle zu als Förderer akademischer Forschung und Anwendungen in den für privates Kapital weniger reizvollen Bereichen – zum Beispiel bei Aufgaben wie Müllentsorgung und Wasserversorgung. Der öffentliche Sektor kann auch bei solchen Projekten den Einsatz offener Plattformen und Standards fördern, was dann deren Übernahme durch Städte in aller Welt beschleunigen würde. Am wichtigsten ist jedoch, dass die Regierungen ihre Gelder darauf verwenden sollten, ein von der Basis her aufgebautes, innovatives Ökosystem zu entwickeln, das auf Smart Cities ausgelegt ist. Ähnlich wie bei dem System, das jetzt durch die Gesetzgebung in den USA entsteht, gilt es, über die Förderung traditioneller Inkubatorprojekte hinaus gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die der Innovation Raum geben. Angesichts der rechtlichen Hürden, mit denen Anwendungen wie Uber oder Airbnb zu kämpfen haben, wird solche Unterstützung jetzt dringend gebraucht. Dabei sollte man sich jedoch staatlicherseits nicht dazu verleiten lassen, von oben herab allein zu entscheiden.

PROFILE: Wer ist in der Konstellation der Open Source Architektur der Urheber, Eigentümer und Haftpflichtige?

Carlo Ratti: Das Buch Open Source Architecture geht selbst auf eine von mehreren Autoren verfasste Wikipedia-Seite zurück, an der Paola Antonelli, Adam Bly, Lucas Dietrich, Joseph Grima, Dan Hill, John Habraken, Alex Haw, John Maeda, Nicholas Negroponte, Hans Ulrich Obrist, Carlo Ratti, Casey Reas, Marco Santambrogio, Mark Shepard, Chiara Somajni und Bruce Sterling mitgearbeitet haben. Auch das Manuskript für das Buch wurde auf diese Weise verfasst, sodass viele Stimmen zu Wort kamen. Open Source bedeutet nicht, die Verantwortung einfach an andere abzugeben. Die spezifische Spannung, die unsere Disziplin im Kern ausmacht, liegt in der Frage, ob künftigen Bewohnern der Gebäude, die selbst keine ausgebildeten Architekten sind, Entscheidungen zugemutet werden können, die komplexes Wissen über Statik, Baurecht oder Mechanik voraussetzen. In der Architektur haben wir eine kolossale Produktionskette, in der zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Beiträge verschiedenster Menschen zusammenfließen. An bestimmten Punkten dieser Kette lassen sich – je nach den Fähigkeiten und Zuständigkeiten der Betroffenen – offene Prozesse integrieren. Die einfachste Möglichkeit, diesen Prozess in Gang zu setzen, besteht darin, das Feedback der Nutzer zu den Vorschlägen der Architekten einzuholen.

PROFILE: Interaktive Kommunikation spielt eine wichtige Rolle für die Zukunft der Städte, Mobilität und Menschen. Wir »fühlen« die Stadt und die Stadt »fühlt« uns. Welches sind Ihre Paradigmen für dieses Fühlen?

Carlo Ratti: Fühlen und Handeln sind die Grundprinzipien des Lebens. Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik, hat aufgezeigt, dass die Informationsverarbeitung im menschlichen Hirn – und zunehmend auch in unserer digital erweiterten Umwelt – auf genau diese Weise erfolgt. Im Konzept von Senseable City kommt ganz einfach ein allgemeiner technologischer Trend zum Ausdruck: Das Internet dringt in unsere Lebensräume ein, es wird zum Internet der Dinge, es ermöglicht uns eine Unzahl von Sensor-Aktor-Schleifen, die früher gar nicht möglich waren. Es gibt die verschiedensten Anwendungen: von der Energieversorgung bis zum Abfallmanagement, von der Mobilität bis zur Wasserversorgung, von der Stadtplanung bis zum Bürgerengagement. Wir wollen uns deshalb nicht auf bestimmte Anwendungen konzentrieren: In unseren Projekten versuchen wir zu erkunden, wie das Internet der Dinge einen neuen Ansatz für die Untersuchung des Stadtraums eröffnet. Unser Untersuchungsgegenstand ist die Schnittstelle zwischen Menschen, Technologie und Stadt, dort wollen wir intervenieren:
durch Entwicklung von Forschung und Anwendungen, die den Bürgern Mitsprachemöglichkeiten bietet und zu einem städtischen Raum führt, der allen mehr Lebensqualität bietet. Wir stellen uns vor, dass unsere Städte »senseable« werden, und mit diesem Begriff zielen wir auf beide Bedeutungen ab: Wir wollen eine Stadt, die fühlen kann (»able to sense«) und vernünftig (»sensible«) ist. Uns gefällt »Senseable City« besser als »Smart City«, weil bei unserem Begriff die menschliche – und nicht die technologische – Seite der Dinge im Vordergrund steht.

PROFILE: Im 20. Jahrhundert gab es bereits Versuche, partizipatorisches Design in die Architektur einzuführen. Heute besteht weitgehende Einigkeit, dass die damaligen Bemühungen gescheitert sind. Warum ist jetzt die Zeit reif dafür?

Carlo Ratti: Es gibt eine interessante Äußerung von Christopher Alexander, einem ikonoklastischen Mathematiker, der später Designer und schließlich Aktivist wurde: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat er mehrere Modelle für partizipatorisches Design angeboten, unter anderem sein bekanntes Oregon Experiment. Mit diesem Projekt bot Alexander einen radikalen neuen Ansatz dafür, wie sich für große Gemeinschaften Umgebungen gestalten lassen, die gleichzeitig individuell angepasst und dennoch allgemein verbindend sind, einen Ansatz dafür, Entscheidungen kontinuierlich von der gesamten Gruppe treffen zu lassen, also ohne einen strikten, auf nur einen Urheber zurückgehenden Masterplan. Die Achillesferse des Projekts – die Alexander trotz seiner sehr genau ausgearbeiteten Methodologie nicht vorhergesehen hatte – war die Schwierigkeit, die Betroffenen dafür zu gewinnen, am eigentlichen Entscheidungsprozess mitzuwirken, sich mit Detailfragen auseinanderzusetzen und tatsächlich abzustimmen. In seinem ganz auf einen reibungslosen und flexiblen Mitwirkungsprozess ausgerichteten System war Apathie seitens der Studenten einfach nicht vorgesehen. 1994 schrieb der Architekturkritiker Greg Bryant, die Studenten seien »apathisch…, weil sie niemals gefragt werden.« Ich denke, dass wir heute neue Tools haben, um Menschen in den Prozess einzubeziehen. Durch das Internet sind die Hürden für die Mitwirkung gesunken und es ist eine neue Kultur des Teilens entstanden. Ich glaube, dass dies heute einer der entscheidenden Faktoren ist.

PROFILE: Welchen Einfluss hat das Open Source Netzwerk auf die Bedeutung von Wert?

Carlo Ratti: Open Source Architektur eröffnet neue Möglichkeiten, Wert zu schaffen und zu teilen. Vor über 100 Jahren hat der schwedische Soziologe Thorsten Veblen den Begriff »Geltungskonsum« zur Beschreibung demonstrativen Konsumverhaltens geprägt. Veblen war aufgefallen, dass Familien unnötige Käufe tätigen, die allein dazu dienen, ihren Status zum Ausdruck zu bringen. Könnte es sein, dass der Begriff es »Geltungskonsums«, der die Verbraucherkultur des 20. Jahrhunderts so stark definiert hat, jetzt an einen Wendepunkt angelangt ist? Über die letzten zehn Jahre sind durch Internet und Social Media neue Möglichkeiten entstanden, Geltungsbewusstsein zu demonstrieren. Das Medium des Geltungskonsums scheint sich geändert zu haben: Bits statt Atomen. Demonstratives Verhalten, aber ohne Konsum? Könnten solche Änderungen auch für die Architekturproduktion gelten?