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Wertewandel in unserer Gesellschaft

Unsere Gesellschaft verändert sich: durch die demographische Entwicklung einerseits, durch eine Veränderung unserer soziologischen Strukturen anderseits. Die deutliche Erhöhung unseres Lebensalters und eine gleichzeitige Individualisierung führen zu einem gravierenden Wandel, es entwickelt sich eine Gesellschaft, in der zwar Entscheidungsfreiheit und Wahlmöglichkeit großgeschrieben werden, andererseits althergebrachte Werte wie Gemeinschaft und menschliche Bindungen aber dennoch eine wichtige Rolle spielen. Deren Auslebung erfolgt aber zum Teil vollkommen anders als in von vielen als einengend empfundenen (Familien-) Strukturen – dank neuer Kommunikationswege und veränderter Wohnformen entstehen vielerlei Vernetzungsmöglichkeiten, die die Bedürfnisse an soziales Leben und soziale Einbettung erfüllen. Birgit Gebhardt befasst sich seit vielen Jahren mit Trends und der Interpretation des gesellschaftlichen Wandels.

Birgit Gebhardt
Birgit Gebhardt, Trend- und Zukunftsexpertin, ist Autorin des Buches „2037: Unser Alltag in der Zukunft“, das sie im Auftrag der Körber-Stiftung verfasst hat. Als Geschäftsführerin des TRENDBÜROS verantwortete Birgit Gebhardt von 2007 bis 2012 das Projektgeschäft von Deutschlands einflussreichstem Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. Vor ihrer Berufung als Geschäftsführerin durch Prof. Peter Wippermann hatte sie sechs Jahre lang als Senior Consultant die Methoden der qualitativen Trendforschung an unterschiedlichen Fragestellungen angewendet und branchenübergreifend Produkt- und Kommunikationsstrategien für Kunden wie Audi, Procter & Gamble oder stilwerk entwickelt. Bis 2001 arbeitete Birgit Gebhardt fünf Jahre als Redakteurin beim Fachmagazin Design Report. Die diplomierte Innenarchitektin ist seit 2011 Mitglied im Kuratorium der AMD Akademie für Mode & Design, Gründungsmitglied des Hamburger Think-Tanks FUTUREPORT und zählt seit 2012 zur Expertenkommission der Bertelsmann Stiftung mit dem Fokus „Arbeits- und Lebensperspektiven in Deutschland“.

"2037 - Unser Alltag in der Zukunft"
In ihrem neuen Buch beschreibt Birgit Gebhardt anhand von verschiedenen Hauptfiguren das alltägliche Leben in Deutschland. Das Buch ist untergliedert in die verschiedenen Lebensbereiche wie Gesundheit, Arbeitswelt und Familie. In dem Buch unternimmt die Autorin den Versuch, heute schon erkennbare Facetten und bekannte Sachverhalte weiterzudenken und diese auf das Alltagsgeschehen von drei Protagonisten zu projizieren. Dabei werden in „2037“ keine Science-Fiction-Klischees gedroschen; es wird über das Identifikationspotenzial mit den Hauptfiguren auf einen emotionalen Zugang gesetzt.

Frau Gebhard, im Werteindex des Trendbüros steht „Freiheit“ an erster Stelle. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?
„Freiheit“ steht an erster Stelle, weil über dieses Thema in Gesprächsforen im Netz am meisten diskutiert wird. Aus der Menge der Beiträge zum jeweiligen Thema entwickeln wir dann unseren Werteindex.

Das bedeutet, „Familie“ und „Gemeinschaft“ sind die am nächst häufigsten diskutierten Werte?
Richtig. „Familie“ beispielsweise stand im Werteindex von 2009 noch auf Platz 4, damals lag „Erfolg“ auf Platz 2. Auch „Gemeinschaft“ ist wesentlich nach vorne gerückt. Dennoch ist die Sehnsucht nach „individueller Freiheit“ offensichtlich größer als der Wert „Familie“. Wie aber definiert sich Familie heute überhaupt? Wir haben schon 2009 festgestellt, dass es in den Köpfen der Menschen einen Idealtypus von Familie gibt. Menschen sehnen sich nach einer langfristigen Bindung: Familie soll Rückhalt und Sicherheit geben, Familie gibt Rückendeckung. In der Realität aber leben wir eher in Wahlverwandtschaften wie Patchwork-Familien und Lebensabschnittspartnerschaften, da uns flexiblere Bindungen im Leben wie auch im Berufsalltag praktikabler erscheinen. Es scheint, dass wir inzwischen die Verpflichtungen scheuen, die mit Familie einhergehen.

Mobilität und Flexibilität wird heute von jedem Arbeitgeber erwartet. Die Familienstrukturen lassen sich so jedoch schlecht aufrechterhalten. Gibt es dafür zukünftig eine Lösung?
Wir werden in Zukunft bessere Möglichkeiten haben, „fernanwesend“ zu sein. Mit Hilfe von Skype oder Facetime beispielsweise oder mittels Desktop-Sharing. Auch Videoconferencing hat im Alltag stark zugenommen. Durch den Einfluss der sozialen Medien und der sozialen Vernetzung verwischt darüber hinaus die Grenze zwischen Business und Privatsphäre. Aus beruflichen Kontakten werden häufig private Kontakte. Unsere Mobilität hat in allen Bereichen bereits sehr stark zugenommen. Zu wenig Zeit zu haben, um bei der Familie zu sein, ist gelebte Realität. Um Familie und Beruf gerecht zu werden, werden wir in Zukunft mehr von Zuhause aus arbeiten und das Büro nur noch sporadisch aufsuchen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Gestaltung von Büroräumen?
Die große Frage unserer letzten Studie war, was das Büro als Gebäude leisten muss, wenn ich vernetzt und damit ortsunabhängig, also von überall, arbeiten kann und meine Kollegen zudem europa- oder weltweit verteilt sind. Dann bekommen die sozialen Aspekte auf einmal eine große Rolle. Im Büro treffe ich meine Kollegen und pflege meine Netzwerke. Und auch räumlich gibt es Vorteile: Denn im Büro finde ich sowohl kommunikative Räume vor als auch Räume, die konzentriertes Arbeiten fördern. Eine These in der Studie zur neuen Arbeitskultur sagt, dass das Büro zum Begegnungsort mit Eventcharakter wird, der die Werte und die Haltung des Unternehmens über den Raum transportiert. So sollen Mitarbeiter eine Bindung zum Unternehmen aufbauen, auch wenn sie immer flexibler und freier eingesetzt werden.

Ist das dann immer noch das Bürogebäude, wie wir es kennen, der Zweibund oder der Flur mit den abzweigenden Zimmern?
Wahrscheinlich nicht. Der Trend geht zu „Open Spaces“, um die Kommunikation im Büro zu fördern. Eine Frau aus einem großen Softwarekonzern erzählte uns, sie arbeite von Zuhause aus, weil sie so private Anforderungen und berufliche Zuständigkeiten, z. B. abendliche Telefonate in die USA, besser vereinbaren kann. An einem Tag in der Woche aber geht sie ins Büro, weil sie ihre Kollegen treffen möchte und sämtliche Informationen bekommt, die für ihr weiteres Arbeiten notwendig sind.

Gibt es aus der neuen Studie hinsichtlich Büros und Arbeiten in der Zukunft Trends, die Sie besonders erstaunt haben?
Erstaunt haben mich die gestalterischen Entwicklungen der Büros. Das Büro muss sich als Arbeitsumfeld qualifizieren, da es in einem Wettbewerb zu einem „Co-Working Space“ steht. Architekten müssen bei der Gestaltung der Büros funktionale als auch emotionale Aspekte berücksichtigen, damit der Arbeitnehmer den Büroarbeitsplatz dem Heimarbeitsplatz vorzieht.

Das ist für die Architekten der Zukunft sicher auch eine große Herausforderung.
Ja, sicherlich. Die Entwicklung geht in die gleiche Richtung wie die Flagshipstores, wo das Markenerlebnis im Vordergrund steht. Mit der Gestaltung ihrer Räume erzeugen Unternehmen eine emotionale Bindung. Interessant ist es, wie es gelingt, das Verhalten von Menschen über die Architektur zu beeinflussen.

Persönliches Erleben und persönliche Kontakte sind also durchaus immer noch sehr wichtig. Haben sich die Werte dann doch nicht so stark verändert?
Das belegen verschiedene Studien. Das liegt vielleicht daran, weil Werte an sich recht konservativ sind. TRENDBÜRO-Gründer Prof. Peter Wippermann sagt: „Alles, was zu verschwinden droht, gewinnt an Wert.“

In Ihrem neuen Buch „2037: Unser Leben in der Zukunft“ hat man das Gefühl, dass der demographische Faktor einen starken Einfluss auf unser zukünftiges Leben hat. Werden sich in Zukunft die Städte verdichten oder ziehen alle aufs Land?
Die Städte werden sich verdichten, aus mehreren Gründen. Zum einen, weil wir in Ballungsräumen unsere persönlichen Kontakte leichter pflegen können, zum anderen gehen wir davon aus, dass auch hierzulande für die Infrastruktur in den ländlichen Regionen in Zukunft weniger Geld aufgewendet werden kann. Ältere Menschen ziehen in die Stadt zurück, da dort eine bessere Versorgung gewährleistet ist. Interessant ist, dass die virtuellen und die sozialen Vernetzungen für diese Entscheidung auch eine Rolle spielen. Diejenigen, die virtuell sozial aktiv sind, treffen sich auch persönlich häufiger, sind allgemein kontaktfreudiger und werden folglich auch die Stadt bevorzugen. Für Architekten bleibt also die Stadt ein Hauptbetätigungsfeld: Umnutzung und Revitalisierung von Gebäuden sind aus unserer Sicht zukunftsweisende Themen.