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Villa Kymmendö eine Welt für sich

Mit dem Anwesen der Villa Kymmendö hat sich eine fünfköpfige Familie im Schärengarten Stockholms einen großen Traum erfüllt. Das Sommerhaus steht inmitten des privaten Eilands auf einer kleinen Anhöhe, ist rundum verglast und von windgeformten Kiefern, Felsen und dem Meer umringt. Geplant wurde es von Jordens Arkitekter. Eine auskragende Ebene lässt das Gebäude scheinbar über dem Boden schweben.

Objekt:
Villa Kymmendö/SE
Standort:
Kymmendö bei Dalarö/SE
Architekten:
Jordens Arkitekter
Projektleitung:
Johnny Andersson, Karin Löfgren
Bauphase:
2007–2009
Verarbeiter:
Öjebyns Glas & Aluminium
Schüco System:
ASS 50l

Zwei auskragende Ebenen fassen das Volumen zusammen. Die Terrasse ist nach Südwesten orientiert.

Nach vielen Skizzen und langer Genehmigungsphase kristallisierte sich für die Villa Kymmendö das Konzept eines von Nord nach Süd orientierten und zum Teil unterkellerten Pavillons heraus. Zwei zehn Meter breite, auskragende Ebenen fassen ein rundum verglastes Areal von rund 230 Quadratmetern Wohnfläche zusammen. Die 36 Meter lange Bodenplatte fungiert zudem als umlaufende Veranda und Terrasse mit unverstelltem Meeresblick. Sie sind optisch von der Erde abgesetzt und erschlossen über zwei breite Steinstufen im Osten. Das Dach, eine Brettschichtholzkonstruktion, wird an den Längsseiten getragen von sieben filigranen, innenliegenden Stahlrundstützen; zwei weitere äußere Stützen halten das auskragende Terrassendach. Den Raumabschluss bildet die rund 30 Zentimeter vor der Tragstruktur liegende Glas-Aluminium-Schiebekonstruktion (Schüco ASS 50). Jeweils 2,45 Meter breite, feststehende und bewegliche Elemente wechseln einander ab; ein Paar entspricht jeweils dem Abstand der Stützen. Letztere werden von außen durch die Rahmenkonstruktion verdeckt.

Jordens Arkitekter beschränkten sich bei der Materialwahl im Wesentlichen auf Holz, Stein und Glas. Ortstypischen gotländischen Kalksandstein verwendeten sie durchgehend als Bodenbelag, für die Arbeitsflächen und die Umfassung der Küchenzeile, für Sanitärwände und -tische. Aus massivem Oregonkiefernholz gefertigt sind die beiden eingestellten, deckenhohen Raummöbel. Im zentralen Block befi nden sich vier Schlafzimmer mit Nischen – die Betten sind doppelstöckig und wie Schreibtisch und Schränke als Einbaumöbel konzipiert. Eine weitere Einheit bilden das gegenüberliegende Bad und der Treppenraum. Er dient zur Erschließung von Lager, Technik-, Wasch- und Hobbyraum im Keller. Der durch Glastür und Trennwand separierte Elternbereich an der nördlichen Stirnseite beherbergt Schlafzimmer, Schrankraum und Bad. Offen gestaltet ist der nach Süden ausgerichtete, rund 80 Quadratmeter große Wohn-, Kamin- und Kochbereich. Über die Schiebeelemente ist er zu Veranda und Terrasse hin erweiterbar. Die in Decke und Boden eingelassenen Rahmen garantieren größtmögliche Transparenz. An den Gebäudekanten schließt ein Aluminiumwinkel die Konstruktion. Diese ist von außen als Negativ-Ecke sichtbar.

Zwei mit Gotlandstein verkleidete Stufen führen auf die Veranda. Ins Haus gelangt man über die jeweils 2,45 Meter breiten Aluminium-Glas-Schiebeelemente.

Vom konzeptionellen Ansatz her unterscheidet sich die Villa Kymmendö deutlich von der Bauweise, die traditionell im Stockholmer Schärengarten vorzufinden ist. Statt eines Satteldachs wählten Jordens Arkitekter ein Flachdach, statt farbenfroher Holzfassaden eine Architektur, die sich im wahrsten Sinne des Wortes von der Umgebung »abhebt«. Für Johnny Andersson, der neben Karin Löfgren das Projekt leitete, stehen »Haus und Natur für sich selbst«. In seiner Struktur wirkt das Gebäude leicht und schwebend und greift, von der Erde losgelöst, bewusst nicht in die natürliche Umgebung ein. Mit der gläsernen Fassade verschwimmen gleichzeitig die Grenzen. Das eigentliche Dach setzten Jordens Arkitekter in der Ansicht zurück, die Attika verblendeten sie mit dunklem Blech und die Bodenplatte mit dem hellen Gotlandstein. Dieser farbliche Kontrast deckt sich mit dem Gegensatz, der sich in Baum und Fels in der unmittelbaren Umgebung wiederfindet.

Unweigerlich fühlt man sich bei der Villa Kymmendö an Mies van der Rohes Farnsworth House erinnert: Die auskragenden Platten (nicht aber die innen liegenden Stützen), die (hier deckenhohen) Raummöbel, ja selbst die Vorhänge weisen Parallelen zu dem berühmten Vorbild auf. Durchdacht sind bei Jordens Arkitekter jeder Anschluss, jede Fläche, jedes Detail. Sichtbare Installationen oder hinzugefügte Elemente gibt es in der Villa Kymmendö so gut wie keine; auch hier orientierte sich das schwedische Büro off ensichtlich an der reduzierten Sprache des Farnsworth House.

Text: Katja Pfeiffer

Rund 80 Quadratmeter misst der off ene Koch- und Wohnbereich. Dank der Schiebeelemente lässt er sich zur Terrasse hin erweitern.