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Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen

Für die Museumsbesucher unsichtbar, lagern in unzähligen Depots wertvolle Zeugnisse der Geschichte. Auch die Sammlungsbestände des Tiroler Landesmuseums umfassen Millionen historische Kostbarkeiten, aufbewahrt in elf Depots an acht Standorten, bis 2013 ein Wettbewerb für die Realisierung eines zentralen Sammlungs- und Forschungszentrums ausgelobt wurde. Diesen konnten die Architekten von Franz&Sue mit einer ebenso einfachen wie prägnanten Idee für sich entscheiden: Das massive Volumen verschwindet unter der Erde, nur ein flacher, fast quadratischer monolithischer Baukörper ragt unscheinbar, entsprechend der Hanglage eingeschnitten, aus dem Boden.

Objekt:
Sammlungs- und Forschungszentrum der Tiroler Landesmuseen
Standort:
Hall in Tirol/AT
Architekten:
Franz und Sue ZT GmbH
Bauherr
Land Tirol, Abteilung Hochbau
Bauphase:
2015 - 2017
Verarbeiter:
AluKönigStahl GmbH
Schüco System:
AWS 75 BS.HI, ADS 75, ADS 75.SI

Zurückhaltend zeigt sich der monolithische Baukörper am Stadtrand von Hall in Tirol und überlässt dem Panorama der Tiroler Bergwelt die große Bühne.

Neben der Anforderung, die Sammlungsbestände an einem Ort zu vereinen, gab es klare Vorgaben – für klimatische Standards wie Temperatur und Luftfeuchtigkeit ebenso wie für den Schutz vor UV-Strahlung und für die Sicherheit der kostbaren Kulturschätze. Bei der Planung musste auch bedacht werden, dass die modernen Werkstätten, Labore und Büros sowie temporäre Arbeitsplätze für Forscher reibungslose Arbeitsabläufe gewährleisten. Das räumliche Konzept ist klar und stringent. Wie Zwiebelschichten fügen sich die Funktionen Sammeln, Forschen und Entspannen aneinander. Die Depotflächen nehmen einen Großteil der Nutzfläche ein und reihen sich entlang der Fassade des markanten Volumens auf. Mit einem Kniff lösten die Architekten die Anforderungen an einen klimatisch autarken Depotbereich, indem sie zwei der drei Geschosse in der Erde versenkten; außerdem gewährleistet die konstante Temperatur des Bodens – ohne aufwendige Klimatechnik – eine optimale Temperatur von 19 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Während die Depots fensterlos und klimatisiert sind, sind die übrigen Räume von maximaler Transparenz geprägt. Die minimalen Ansichtsbreiten der T-Stahl-Profile, einer Sonderkonstruktion, um die gesamte Breite von 3,60 Metern bei einer Verglasungshöhe von 11,10 Metern zu überspannen, machen die Profile fast unsichtbar.

Getrennt durch Schleusen und einen Rundgang ordnen sich die Arbeitsbereiche entlang der Fassade des begrünten Innenhofs an. Nachdem die Sammlungen bislang auf mehrere Gebäude verteilt gewesen waren, legte man hier Wert auf kurze Wege und Aufenthaltsqualität. Die Abteilungen sind den jeweiligen Depots zugeordnet, während zentrale Gemeinschaftsflächen die informelle Kommunikation fördern. Die hellen, lichtdurchfluteten Räume entlang des abgesenkten Freiraums im Innern stehen in bewusstem Kontrast zur Außenfassade. Die geschlossene Hülle, bekleidet mit einer Schicht aus dunklen Betonplatten, erscheint außerhalb der Öffnungszeiten als hermetisch abgeriegelter Block. Als Reminiszenz an das älteste Sammlungsstück, einen Faustkeil aus dem 7. - 8. Jahrtausend v. Chr., sind Teile der Fassadenplatten mit einem Ornament versehen. Wie bei einer Schatzkiste sind die Öffnungen auf den ersten Blick nicht zu sehen. Anstelle klassischer Fenster öffnen sich bei Bedarf eine Reihe Fassadenfelder und sorgen für die Belichtung der Schreinerwerkstätte. Ein großes Eingangsportal zieht tagsüber die Mitarbeiter mit seinem signalroten Anstrich ins Gebäudeinnere. Weit sichtbar ist auch das großzügige Treppenhaus, das die Ebenen miteinander verbindet. Extrem reduzierte Ansichtsbreiten erlauben trotz der Fassadenhöhe von 11,10 Metern eine maximale Durchsicht in den Blickbeziehungen zwischen innen und außen. Im Innenhof wechseln sich durchgehende Fensterbänder mit der vertikalen Holzbekleidung ab. Je nach Sonnenstand spiegeln sich die gegenüberliegenden Seiten in den Glasflächen und durchbrechen die formale Strenge der Innenhoffassade.

Text: Eva Maria Herrmann
Fotos: Andreas Buchberger, Christian Flatscher

Der mit einheimischen Pflanzen bewachsene Innenhof lädt zum Verweilen ein. Horizontale Fensterbänder wechseln sich mit der Holzbekleidung ab und lassen den entstehenden Raum durch die Spiegelung größer erscheinen.