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Im Portrait: GRAFT

Mit Projekten wie dem Urban Nation Museum, Wohnungsbauten wie Paragon oder Villa M sowie dem Natureisstadion in Schierke haben sich GRAFT auch außerhalb von Architekturkreisen einen Namen gemacht. Aktuell kuratiert das Büro den Deutschen Pavillon auf der 16. Architekturbiennale in Venedig. Gemeinsam mit der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler und ausgehend vom Beispiel der deutschen Teilung schaffen sie dabei einen intelligenten Beitrag zur aktuellen Debatte über Nationen, Spaltung und Protektionismus.

Dass die Jury unter Vorsitz von Matthias Sauerbruch im September letzten Jahres GRAFT und die Politikerin Marianne Birthler mit der Kuratierung des Deutschen Pavillons betraute, war im ersten Moment sicher überraschend. Schließlich ist das in Berlin, Los Angeles und Peking ansässige Büro um die drei Gründungspartner Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg bislang neben der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zukunftsinstitut vor allem durch spektakuläre Projekte mit aufregenden dynamischen Formen hervorgetreten. Schöne Beispiele dafür sind die beiden Berliner Zahnarztpraxen KU64 (2008 - 2010), in denen die Patienten in organisch fließende Welten eintauchen, der Umbau einer alten Mühle zum Hotel in Belgrad (2014) oder die beiden expressiv gestalteten Berliner Villen im Grunewald und auf der Wannsee-Insel Schwanenwerder (2017). Aber die aufgezählten Projekte beschreiben nur die etwas lautere Facette der Arbeit von GRAFT. Darüber hinaus gehören die Architekten nämlich gemeinsam mit Brad Pitt zu den Mitbegründern der »Make It Right Foundation«-Stiftung, für die sie flutsichere und ökologisch nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip gestaltete Wohnhäuser für Flutopfer in New Orleans pro bono entworfen haben (2009). Und mit ihrem Solarkiosk stellten sie 2012 ein flexibles Modul vor, das ein gemeinschaftliches Geschäftsmodell für ländliche Gegenden weltweit bereitstellt und mit dem kleine Unternehmen ihren Kunden verschiedene Dienstleistungen wie das Aufladen der Handybatterie oder Internetzugang anbieten können. Mit Erfolg: Denn bisher wurden weit mehr als 100 Solarkioske in zehn Ländern aufgestellt.

Solarkiosk

Nicht weniger engagiert – und ähnlich politisch wie die DAM-Präsentation »Making Heimat« vor zwei Jahren – präsentiert sich gegenwärtig der von GRAFT gemeinsam mit der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler entwickelte Biennale-Beitrag »Unbuilding Walls«. Ausgangspunkt der ästhetisch-formal wie inhaltlich überzeugenden Arbeit ist der weltweit zu beobachtende Trend, dass zunehmende Mobilität und Digitalisierung auf bislang ungeahnte Weise das globale Zusammenwachsen fördern, sich parallel dazu aber immer mehr Nationalismus und Abschottung breitmachen: »Während die Welt zusammenwächst, werden zunehmend Mauern diskutiert und errichtet, die Menschen voneinander trennen«, stellen die Architekten etwas ernüchtert fest.

Ausgehend von diesem Befund und eingebettet in das übergeordnete Biennale-Thema »Freespace« der beiden Kuratorinnen vom Dubliner Büro Grafton zeigen die Planer herausragende städtebauliche und architektonische Projekte, die sich mit den Themen Trennung und Zusammenwachsen beschäftigen. Zentraler Bezugspunkt ist dabei die innerdeutsche Mauer 1961–1989), die mittlerweile bereits so lange verschwunden ist, wie sie einst bestand, und deren »Existenz und Dekonstruktion zum Symbol für das Scheitern von Dialog und für dessen Überwindung gleichermaßen geworden ist«, wie die Architekten erklären.

Checkpoint Charlie, Foto: Friedhelm Denkeler

Als Beleg für das Zusammenwachsen von Ost und West zeigt die Ausstellung 28 (!) höchst unterschiedliche Projekte, die 28 Jahre nach dem Fall der Mauer auf höchst unterschiedliche Weise den frei gewordenen Raum des ehemaligen Grenzstreifens bespielen. Eine dieser gelungenen räumlichen Transformationen ist der Axel-Springer-Neubau des Rotterdamer Büros OMA, der gegenwärtig zwischen Kreuzberg und Mitte entsteht und der den ehemaligen Mauerverlauf als diagonal durch das Gebäude laufenden Leerraum (Void) thematisiert. Ein weiteres zentrales Projekt im Rahmen von »Unbuilding Walls« ist der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie, der neben dem Brandenburger Tor zum symbolisch wichtigsten Ort des Kalten Krieges wurde und für den in einem aktuell ausgelobten Wettbewerb nach einer neuen Perspektive gesucht wird.

Axel-Springer-Neubau, Bild: OMA

Das Beispiel Iron Curtain Trail stellt demgegenüber den Europa-Radweg Eiserner Vorhang entlang der früheren Westgrenze der Warschauer-Pakt-Staaten vor, der auf einer Länge von 10 000 Kilometern von der Barentssee an der norwegisch-russischen Grenze bis zum Schwarzen Meer an der bulgarisch-türkischen Grenze führt und dabei 20 Länder durchquert. Und mit dem Projektbeispiel Wüstungen wird die Geschichte des Ortes Schmerbach dokumentiert, wo 1952 und 1961 auf Befehl der SED in Nacht-und-Nebel-Aktionen ohne gesetzliche Grundlage über 11 000 Menschen aus Dörfern in unmittelbarer Grenznähe zwangsumgesiedelt wurden. Nach der Wende eroberte die Natur das Areal schnell zurück, 2003 wurden ein Stück Grenzzaun und das Areal der ehemaligen Siedlung unter Denkmalschutz gestellt. Physische Überbleibsel sind dort allerdings nicht mehr vorhanden.

Parallel zu dieser deutschen Perspektive werden in der Ausstellung auch gegenwärtige Grenzdebatten über Israel und Palästina, Mexiko und die USA sowie Nord- und Südkorea von einem Journalistenteam untersucht und im Pavillon präsentiert. Als Beleg dafür, dass sich das Thema Teilung auch nach dem vielbeschworenen »Ende der Geschichte« noch immer nicht erledigt hat.

Text: Robert Uhde

Die Brücke der Einheit nach Vacha, Foto: Jürgen Ritter