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Mass customized oder von der Stange: Wie viel Individualität verträgt Architektur?

Die Frage nach dem „richtigen” Maß an Individualität stellt sich im Eigenheim- und Wohnungsbau nicht nur in Bezug auf die Attraktivität von Wohnraum, sondern auch auf eine nachhaltige Planung werthaltiger Immobilien. Nirgendwo sonst ist der Anspruch auf individuelle Gestaltung größer als bezogen auf die eigenen vier Wände: Gebäude und Wohnungen sollen den individuellen Wohnvorstellungen entsprechen und ein hohes Identifikationspotenzial bieten. Dabei müssen Architekten für heutige Nutzer planen; aber - wenn sie nachhaltig bauen wollen - auch die Wünsche künftiger Generationen im Blick haben. Wie individuell darf oder muss also eine Architektur sein, die diesen wahrscheinlich unterschiedlichen, womöglich widersprüchlichen Anforderungen gerecht wird?

Julia Gill ist freiberufliche Architektin und Wissenschaftlerin in Berlin. Sie promovierte bei Karin Wilhelm und Thomas Sieverts über Individualisierung und Standard im kommerziellen Eigenheimbau und forscht überwiegend im Bereich randstädtischer Alltagsphänomene mit Schwerpunkt im Wohnungs- und Siedlungsbau, unter anderem im Rahmen der Vorbereitungen zur IBA Berlin 2020. Sie ist im Vorstand des Netzwerks Architekturwissenschaft und lehrt/lehrte Entwerfen und Architekturtheo- rie an verschiedenen deutschen Hochschulen, darunter an der TU Braunschweig und an der UdK Berlin.

Mehr Infos über Julia Gill und ihre Arbeit unter: www.juliagill.de

Grundsätzlich liegt im Anspruch auf die individuelle Entfaltung zugleich deren Beschränkung. Denn nur gegenseitige Toleranz begründet die Freiheit jedes Einzelnen: Die erfolgreiche Verhandlung der Frage, wie viel Individualität eine Gesellschaft zulässt, und welche Zugeständnisse sie dem Einzelnen abverlangt, ist die Grundlage für den Fortbestand einer jeden Kultur. In Bezug auf das Bauen bedeutet dies, dass dem Gestaltungswillen von Bauherren oder Architekten die Anforderungen der Kultur- gemeinschaft an die gebaute Umwelt – gestalterische ebenso wie ein verantwortungsbewusster und schonender Umgang mit den Ressourcen Stadt, Landschaft und Raum – gegenüberzustellen sind. Wie nun kann eine solche Verhandlung im Eigenheim- und Wohnungsbau gelingen?

Zunächst ist zu unterscheiden zwischen dem Wunsch nach dem Ausdruck individueller Wohn- vorstellungen des Bauherrn oder des Architekten – und der Möglichkeit, sich in Häusern oder Wohnungen individuell einzurichten. Doch es ist keineswegs so, dass individuelle Entfaltungs- möglichkeiten stets mit einer spezifischen Architektur einhergehen muss – genauso wenig wie aneignungsoffene Gebäude zwangsläufig mit einer generischen. Im Gegenteil.

Inbegriff der Manifestation individueller Wohn- vorstellungen ist das frei stehende Einfamilienhaus auf der grünen Wiese. Waren sie als individuell entworfene „Architektenhäuser“ lange Zeit das Privileg einer kleinen Oberschicht, verheißt der kommerzielle Eigenheimbau heute einer breit angelegten Mittelschicht nie dagewesene Individualität dank immer neuer Produktionsweisen: Die Prinzipien der Mass Customization ermöglichen eine weit reichende Differenzierung des Angebotes unter Beibehaltung serieller Produktion – in direkter Konkurrenz zum individuell geführten Dialog zwischen Bauherr und Architekt. Doch ein Blick in die Traumhauskataloge der Hausanbieter und auf die Eigenheimgebiete im Speckgürtel unserer Städte zeigt, dass viele der Häuser tatsächlich wenig individuell sind.

In den kundenindividualisierten Entwürfen nämlich, die seit den 1990er-Jahren das Angebot kommerzieller Eigenheimanbieter bestimmen, begegnen uns immer gleiche, ihrerseits standardisierte Vorbilder. Diese Bilder illustrieren Traumwelten – von noch unmittelbar erinnerbaren zwischen „mediterranem Flair“ und „coolem Ambiente“, bis zu unerreichbaren von den Schlössern und Gärten der Schönen und Reichen. Sie werden in allen Bereichen der Werbung unablässig reproduziert; Einrichtungsmagazine, Möbelhauskataloge, Boulevardpresse, Reiseführer und Fernsehfilme sind gleichermaßen von ihnen bestimmt.

Gegenwärtig wirksam sind hier Degeto-Produktionen wie Inga-Lindström- und Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen, der „Landarzt“, die „Klinik unter Palmen“ oder das „Traumhotel“. Zahlreiche „Deko-Soaps“, die von verschiedenen Sendern mehrmals täglich ausgestrahlt werden, bedienen die so geweckten Wohnsehnsüchte: zu verstehen als Einrichtungs- ratgeber mit einer Portion Familienschicksal geben sie praktische Tipps und Anleitungen, wie diese Traumwelten in den eigenen vier Wänden zu adaptieren sind.

Dieselben Bildwelten begegnen uns in Immobilienprojekten, vor allem im Luxus-Segment des Eigentumswohnungsbaus. Die Investoren adaptieren hier zunehmend Marketingstrategien aus dem kommerziellen Eigenheimbau und setzen auf ein gestalterisch diversifiziertes Angebot zwischen Architektur im Gründerzeitstil und modernem Lebensgefühl (vgl. „Palais KolleBelle. Savoir-vivre in Berlin“, www.kollebelle. de; „Choriner Höfe. The fine art of living“, www.chorinerhoefe.de). Die Möglichkeit einer Individualisierung der Wohnungen – vom Grundrisszuschnitt über Wand- und Bodenbeläge bis hin zu Sanitärobjekten und Armaturen – gehört dabei für fast alle Projektentwickler zum Standard. Sowohl im Eigenheim- als auch im Eigentumswohnungsbau muss eine solche, auf Lifestyle und Repräsentation zielende Bildsprache aktuelle Moden einbeziehen und allgemein verständlich bleiben, um gleichermaßen das Abgrenzungs- und das Zugehörigkeitsbedürfnis der Kunden zu bedienen. Sie ist damit nur schwerlich individuell, und die gewonnenen Freiheiten in der Fertigung werden in einer Collage vorgefertigter Bilder neutralisiert.

Damit haben diese kundenindividualisierten Angebote den Wohnungen oder Häusern „von der Stange“ vor allem eine gefühlte Individualität voraus. Varianz und Aneignungsspielräume nämlich können auch diese bieten: nicht nur durch eine typologische Vielfalt unterschiedlicher Wohnungsgrößen und -zuschnitte oder nutzungsneutrale Grundrisse, sondern auch durch Gestaltungsspielräume, die paradoxerweise gerade durch konsequente Standardisierung entstehen können – sofern diese nicht im Sinne von Standardlösungen verstanden wird (deren unterschiedslose Verbreitung in Stadt und Land zur berechtigten Kritik am Serienbau geführt hat), sondern als zeit- und kostensparende Methode, die Potenziale freisetzt, über gemeinsame Standards nachzudenken – statt unreflektierte Wünsche maßgeschneiderter Vereinzelung zu bedienen.

Interessante Ansätze hierzu liefern beispielsweise eine Reihe von Wohnungsbauten des französischen Architekturbüros Lacaton & Vassal, beispielsweise der Neubau von 23 Wohnungen in Trignac oder die Erweiterung des Tour Bois le Prêtre. Durch die Standardisierung der Ausführungsdetails und den unkonventionellen Einsatz einfachster Industriematerialien wie zum Beispiel Polycarbonatplatten oder Gewächshauselementen konnten die Baukosten radikal gesenkt werden. Die Ersparnis wurde in ein Plus an Wohnfläche reinvestiert und steht nun zur individuellen Aneignung durch die Bewohner zur Verfügung – sogar im engen Korsett des Sozialen Wohnungsbaus.

Auch eine Reduktion des Ausbaustandards auf Rohbau-Niveau in Kombination mit einer Übertragung der Ausbauarbeiten in den Verantwortungsbereich der Nutzer bietet vielfältige Gestaltungs- möglichkeiten. Es entsteht eine Art „Eigenheim auf der Etage“, aktuell erprobt zum Beispiel im Wohnungsbauprojekt „Tila“ in Helsinki der Architektin Pia Illonen (www.talli.fi) oder im IBA-Projekt „Grundbau und Siedler“ vom Kölner Büro BeL Architekten (www.bel.cx). Es zeigt sich, dass gerade im Spannungsfeld zwischen der Setzung eines seriellen „Rahmens“ und dem spezifischen, durch die Nutzer gestalteten „Inhalt“ großes Identifikationspotenzial liegt. Der Mieter- oder Eigentümerausbau verlangt Kreativität und Engagement, ermöglicht den Bewohnern jedoch auch, sich entsprechend ihrer Vorstellungen und finanziellen Möglichkeiten einzurichten.

Die genannten Beispiele zeigen zudem, dass solche aneignungsoffenen, auf Prinzipien der Standardisierung statt der Individualisierung basierenden Gebäude und Wohnungen durchaus architektonisch spezifisch und qualitätvoll sein können – und mitunter mehr Identifikationspotenzial bieten als die nach klischeehaften Vorbildern individualisierten Apartments und Eigenheime. Sie sind oft auch langfristig werthaltiger. Denn während sich deren Anbieter die Gestaltungswünsche ihrer Kunden durchaus bezahlen lassen, wird auch jedes noch so maßgeschneiderte Zuhause in Abhängigkeit familiärer oder beruflicher Veränderungen irgendwann zu klein oder zu groß. Oder es kommt aus der Mode: Was den Bauherren einst attraktiv erschien, muss künftigen Generationen nicht gefallen – eine Tatsache, die sich durchaus in einer negativen Wertentwicklung vor allem vieler Einfamilienhäuser am Stadtrand niederschlägt. Standardisierung spart demgegenüber nicht nur Kosten und Ressourcen. Intelligent eingesetzt gewährt sie auch ein hohes Maß an persönlicher Entfaltungsmöglichkeit. Individuell zu wohnen erfordert also nicht zwingend ein individualisiertes Bauen.