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Markt und Chancen - Planen und Bauen in Indien

„Incredible India” umschreibt den indischen Markt recht zutreffend – de facto ist der diversifizierte Immobilienmarkt in einem Land mit mehr als 1,2 Milliarden Menschen auf circa 3.287.590 Quadratkilometern und damit der neunfachen Fläche Deutschlands nicht einheitlich zu erfassen. Der kontinuierlich wachsende Markt bietet ein riesiges Potenzial und vielfältige Einstiegsmöglichkeiten, die sich Planer nicht entgehen lassen sollten, findet der Architekt Sven Schmedes, der ein deutsches Büro für Projektsteuerung in Mumbai führt.

Sven Schmedes, Architekt Dipl.-Ing. (FH)
wurde 1973 in Hannover geboren und ist Architekt mit Spezialisierung auf Projektsteuerung. Seit 2005 arbeitet er an verschiedenen Bauvorhaben in Indien. Für das Büro gmp Architekten von Gerkan Marg und Partner war er bis 2007 als Managing Director India tätig und im Anschluss bis 2009 als Partner von Foster + Partners für Projekte in Indien verantwortlich. Im Jahr 2008 zog Sven Schmedes mit Familie nach Mumbai und gründete 2009 die Firma German Project Management India Pvt. Ltd. Das Büro erbringt Projektsteuerungsleistungen für deutsche und indische Bauherren.

„Germany Trade and Invest” stellt in dem Artikel „Wirtschaftstrends zum Jahreswechsel 2011/12 – Indien“ insgesamt zwar ein gebremstes Wachstum fest, dennoch ist der Bedarf im Bereich Infrastruktur und insbesondere im Wohnungsbau in den sieben größten Städten Indiens enorm. Die indische Regierung beabsichtigt im Fünfjahresplan 2012-2017 die Investitionen im Bereich Infrastruktur auf insgesamt 1 Billion US$ zu erhöhen. Der Infrastruktursektor gilt daher als einer der wichtigsten Wachstumsmotoren der Bauindustrie: Verkehrswege müssen ausgebaut, die Energie- und Wasserversorgung verbessert sowie die Kapazitäten der See- und Flughäfen maßgeblich erweitert werden. Darüber hinaus ist es geplant, bis 2016 rund 30.000 km Schnellstraßen neu- oder auszubauen. Laut einer Studie von Cushman & Wakefield benötigt Indien bis 2013 zusätzlich knapp 20 Millionen Quadratmeter Büroflächen, im organisierten Einzelhandel besteht Nachfrage für rund 4 Millionen Quadratmeter Ladenflächen. Dieser Studie zufolge besteht auch Bedarf für bis zu 700.000 Hotelzimmer aller Kategorien.

Für deutsche Planer ist die Projektarbeit in Indien, beginnend mit der Akquisition und Beauftragung bis hin zur Ausführung, in jeder Phase eine Herausforderung. Trotz der besonderen Rahmenbedingungen kann man es sich, aufgrund des großen Entwicklungspotenzials im Immobilien- und Infrastruktursektor, als Architekt oder Fachplaner jedoch kaum leisten, nicht in Indien tätig zu sein. Für den Einstieg von Architekten und Ingenieuren in den indischen Markt bieten sich unter anderem folgende Möglichkeiten:

1) Offene Architekturwettbewerbe
Bisher waren offene Architekturwettbewerbe die Ausnahme. Zunehmend loben Projektentwickler aber Ideenwettbewerbe aus, zu denen vor allem international tätige Architekten eingeladen werden. „Neueinsteiger” sollten sich aber dessen bewusst sein, dass aufgrund der spezifischen Ansprüche der Projektentwickler – insbesondere im Wohnungsbau – Planungen nach deutschen bzw. europäischen Standards leider häufig nicht umsetzbar sind und daher mehrfacher Überarbeitung bedürfen.

2) Internationale Ausschreibungen
Internationale Ausschreibungen für Planungsleistungen finden meist für sogenannte Public Private Partnership Projekte im Infrastruktursektor statt und richten sich vorrangig an Konsortien.

3) Zusammenarbeit mit deutschen Firmen
Eine interessante Möglichkeit für den Einstieg in das Projektgeschäft in Indien ist die Zusammenarbeit mit deutschen Firmen, die bereits im indischen Markt Fuß gefasst haben, um einen Produktionsstandort aufzubauen. Diese Zusammenarbeit gibt Planern wie den Firmen eine gewisse Sicherheit.

4) Direktakquisition
Direktakquisition bedeutet, sich als Planer persönlich bei den indischen Projektentwicklern vorzustellen und geeignete Referenzen zu präsentieren, um zukünftig bei neuen Projekten zur Angebotsabgabe eingeladen zu werden.

„Planer, die den indischen Markt erschließen möchten, sollten viel Geduld mitbringen und ‚geländegängig’ sein. Darüber hinaus ist es wichtig, zunächst die lokalen Rahmenbedingungen zu verstehen und zu akzeptieren, um dann auf dieser Basis maßgeschneiderte Lösungen in der Planung und Ausführung zu entwickeln. Indien ist die Zukunft!”

Fachliche Kompetenz und Anpassungsfähigkeit
Bauherren und Projektentwickler schätzen deutsche Zuverlässigkeit und technisches Know-how insbesondere im Bereich der Ingenieursplanung. Die wichtigsten Grundvoraussetzungen, die Planer in Indien mitbringen sollten, sind Geduld und Flexibilität. Kontinuierliche Anpassungen des Raumprogramms an sich ändernde Marktanforderungen sowie langwierige Genehmigungsverfahren in der Planung und Ausführung resultieren häufig in Planungsänderungen und führen zu unvorhersehbaren Verzögerungen. „German Engineering” muss daher an die lokalen Rahmenbedingungen angepasst werden, um den spezifischen Nutzeranforderungen in den jeweiligen Landesteilen Indiens gerecht zu werden. Insbesondere in der Haustechnik- und Fassadenplanung werden in Indien oft kosten- günstigere, robuste lowtech Systeme bevorzugt. Bei der Auswahl von Fassadensystemen sind neben der vereinfachten Produktion und Montage vor allem geringe Investitionskosten sowie lokale Verfügbarkeit ausschlaggebend: lokale Produktions-, Transport- und Montagemöglichkeiten sollten daher bereits früh in der Planung berücksichtigt werden. Die Bauausführung stellt die mit Abstand größte Herausforderung für alle Projektbeteiligten dar. Komplizierte Details mit hohen Anforderungen an eine präzise Ausführung mit geringen Toleranzen müssen spätestens auf der Baustelle überarbeitet werden, da sie meist nicht vor Ort umsetzbar oder praktikabel sind. Häufig werden auch der allgegenwärtige Termin- und Kostendruck, sowie die eingeschränkten Arbeitsbedingungen, beispielsweise während der Monsoon-Monate (Juni bis September), von ausländischen Planern unterschätzt.

Umweltzertifizierungen
Umweltzertifizierungen nach dem amerikanischen LEED-System (Leadership in Energy and Environmental Design) des US Green Building Councils sind für Neubauprojekte im gehobenen Segment des Wohnungs-, Büro- und Hotelbaus in Indien mittlerweile Standard. Eine zunehmende Anzahl von Neubauprojekten wird bei dem „Indian Green Building Council” angemeldet und eine Zertifizierung mit mindestens LEED Gold angestrebt.