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Bunt und bewohnbar: Die neue Markthalle in Rotterdam/NL

Die niederländische Hafenmetropole Rotterdam gilt seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg als Experimentierfeld für Städteplaner und Architekten. Jüngstes Beispiel ist die futuristische neue Markthalle. Das ungewöhnliche Projekt des vor Ort ansässigen Büros MVRDV bietet einen 100 Meter langen und 40 Meter hohen Hybridbau in Form eines urbanen Triumphbogens. Im Erdgeschoss finden sich 96 Marktstände, die komplexe bogenförmige Überbauung integriert 228 Wohnungen mit spektakulärer Aussicht in den Innenraum der Markthalle mit ihrer farbenfroh gestalteten Gewölbedecke.

Objekt:
Markthalle Rotterdam
Standort:
Dominee Jan Scharpstraat 298, 3011 Rotterdam/NL
Bauherr:
Provast Nederland bv, Den Haag
Architekten:
MVRDV, Rotterdam/NL
Projektleitung:
Winy Maas, Jacob van Rijs, Nathalie de Vries
Generalunternehmer:
Mobilis / Martens en Van Oord, Oosterhoud / NL
Tragwerksplanung:
Royal HaskoningDHV, Den Haag: Maurice Hermens

Die neue Rotterdamer Markthalle schafft eine ungewöhnliche Verbindung von überdachtem Markt und hochwertigem urbanen Wohnen.

Fassadenplanung:
Octatube, Delft/NL
Metallbauer:
AKS bouw, Grubbenvorst/NL
Kunst am Bau:
Arno Coenen und and Iris Roskam, Rotterdam/NL
Bauphase:
2009 – Oktober 2014
Gesamtfläche:
228 Appartements, 4.600 m² Verkaufsfläche, 1.800 m² Gaststättengewerbe
Schüco Systeme:
ASS 43/48, ADS 65

Die Eigentums- und Mietwohnungen bieten Flächen zwischen 80 und 300 Quadratmetern.

Wer sich dem Neubau in Rotterdam nähert, der könnte auf den ersten Blick auf die Idee kommen, es habe sich ein gigantischer Flugzeughangar im Zentrum der niederländischen Hafenmetropole breit gemacht. Exakt dort, wo die Stadt im Jahr 1270 gegründet wurde, trifft der Blick inzwischen auf einen experimentell gestalteten Neubau der renommierten Architekten MVRDV, der mit seiner Vermischung von urbanem Wohnen und überdachter Marktfläche bislang völlig einmalig ist. Im 5.500 Quadratmeter großen Innenraum der Halle tauchen die Besucher ein in ein lebendiges Markttreiben mit unter schiedlichsten kulinarischen Spezialitäten. Der darüber aufsteigende Stahlbetonbogen mit seiner farbenfroh gestalteten Gewölbedecke beherbergt auf seinen unteren beiden Geschossen zusätzliche Stände und Restaurants, in den oberen zehn Ebenen finden sich außerdem 228 Wohnungen. Eine Besonderheit sind dabei die zur Stadt hin orientierten Balkone sowie die innenseitig eingefügten Fenster mit ihren schwindelerregenden Ausblicken in den großen Hallenraum. Komplettiert wird das Raumangebot des Neubaus durch einen unterirdisch gelegenen Supermarkt sowie durch eine dreigeschossige Tiefgarage mit 1.200 Stellplätzen. Ein wichtiges Element des Neubaus sind die beiden hufeisenförmigen Stirnfassaden aus Glas, die die Markthalle zur Stadt öffnen und ausreichend Tageslicht im Innenraum ermöglichen. Die 34 Meter hohen und 42 Meter breiten – und europaweit damit größten – Seilnetzfassaden integrieren jeweils 26 Vertikal- und 22 Horizontalseile, an deren Knoten quadratische Verbundsicherheitsgläser im Format 1,5 x 1,5 Meter befestigt sind. Im Zusammenspiel sorgen sie dafür, dass sich die beiden Stirnfassaden bei Windbelastungen flexibel um bis zu 70 cm nach innen biegen können. So können auch die widrigsten Wetterverhältnisse dem Besuch der bislang einzigen überdachten Markthalle in den Niederlanden nichts anhaben.

Die Deckenansicht wurde durch die Rotterdamer Künstler Arno Coenen und Iris Roskam mit dem riesigen Digitaldruck »Das Füllhorn« gestaltet.

»Die Markthalle als Hybrid«

Interview mit MVRDV-Partner Winy Maas
Mit ihrem Konzept für die Markthalle in Rotterdam haben MVRDV eine neue Gebäude typologie geschaffen, die Wohnen und Marktgeschehen nicht wie bislang üblich räumlich voneinander trennt, sondern auf unkonventionelle Weise zusammenfügt.

PROFILE: Die Markthalle ist ein Gebäude typus, der eher aus dem 19. Jahrhundert stammt. Gab es historische Vorbilder, an denen Sie sich bei Ihrer Planung orientiert haben?

Winy Maas: In den Niederlanden haben wir keine Tradition überdachter Märkte. Deshalb haben wir uns im Vorfeld der Planung verschiedene historische Markthallen in Italien und Skandinavien angesehen. Wirkliche Vorbilder waren das aber nicht, da wir keinen introvertierten Markt, sondern eine leichte, transparente und einladende Markthalle der Gegenwart schaffen wollten.

PROFILE: Eigentlich hätten an dem Standort zwei Hochhäuser und eine angrenzende Markthalle entstehen sollen. Wie sind Sie darauf gekommen, beide Funktionen miteinander zu vermischen?

Winy Maas: Markthallen sind in der Regel in dunklen, abgeschlossenen Gebäuden untergebracht, die wenig Verbindung mit ihrer Umgebung haben. Im Gegensatz dazu wollten wir hier gleichzeitig einen wichtigen Impuls für die Erneuerung des angrenzenden Laurensquartiers sowie des östlichen Innenstadtgebiets liefern. Deshalb haben wir die beiden Wohntürme einfach über den Markt gestülpt und so eine große Halle mit großen Öffnungen zur Stadt entwickelt.

PROFILE: Welche Rolle hat der bestehende Wochenmarkt am Standort gespielt?

Winy Maas: Hintergrund der Planung ist eine neue EU-Verordnung, die den Verkauf von frischem Fisch und Fleisch im Freien untersagt. Der Neubau ist von der Stadt Rotterdam deshalb ganz explizit als Erweiterung des bestehenden Wochenmarkts um eine überdachte Markthalle ausgeschrieben worden. Entsprechend sollen sich beide Märkte auch ergänzen und nicht in Konkurrenz zueinander stehen.

Text: Robert Uhde
Fotos: Daria Scagliola/Stijn Brakkee, Ossip van Duivenbode und Boudewijn-Bollmann