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Roboter werden eigenständig neues Wissen erwerben

Bisher war nur der Mensch in der Lage, Wissen anzuhäufen, zu archivieren und zu teilen. Doch Experten wie der Physiker und Wissenschaftsautor Dr. Ulrich Eberl sagen, dass der Angriff auf die ureigenste Bastion des Menschen unmittelbar bevorsteht. Intelligente Systeme – das können sichtbare Roboter oder unsichtbare Software sein – werden mit Verstand und kognitiven Fähigkeiten selbstständig lernen, planen und handeln können. Werden Roboter also die Bildungsbürger der nächsten Generation – und wir schauen nur noch zu?

Interview mit Dr. Ulrich Eberl

Dr. Ulrich Eberl ist Physiker, Zukunftsforscher und Wissenschaftsautor. Er war 15 Jahre lang Chefredakteur des Siemens-Zukunftsmagazins »Pictures of the Future«. 2016 machte er sich mit einem Redaktionsbüro selbstständig. Eberl schreibt Bücher darüber, wie Innovationen entstehen und welche Trends unsere Zukunft prägen (»Zukunft 2050 – wie wir heute schon die Zukunft erfinden«). Sein jüngstes Buch heißt »Smarte Maschinen – wie Künstliche Intelligenz unser Leben verändert«. Mehr dazu in Eberls Blog: www.zukunft2050.wordpress.com

PROFILE: Herr Eberl, Sie haben zu Hause einen kleinen Roboter. Was macht der, wenn Sie nicht da sind? Putzen, aufräumen, kochen?

Ulrich Eberl: Leider nein. Wenn wir nicht da sind, schläft er. Ich nehme ihn oft zu meinen Vorträgen mit, wo er das Publikum begrüßt, tanzt oder Fußball spielt. Doch ein elektronischer Butler für zu Hause ist leider genau das, was am weitesten in der Zukunft liegt. Es gibt zwar bereits Roboter, die Staub saugen, Fenster putzen oder den Rasen mähen. Aber Roboter, die alles können, die Allgemeinintelligenz haben, sind extrem schwierig.

PROFILE: Das heißt, Roboter wie Ihr Hausfreund sind reine Spielerei?

Ulrich Eberl: Noch ist das so. Allerdings ist in den letzten fünf Jahren auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz meines Erachtens mehr passiert als in den 50 Jahren vorher. Es kann durchaus so etwas entstehen wie eine Art soziale Gemeinschaft zwischen Menschen und Maschinen. Ich glaube, in 20 oder 30 Jahren wird eine solche Gemeinschaft für uns so selbstverständlich sein, wie wir heute Smartphones benutzen. Uns wird nicht mehr bewusst sein, dass ständig irgendwelche Maschinen um uns herum sind, die uns hoffentlich etwas Gutes tun wollen.

PROFILE: Gut oder Böse hängt doch einzig und allein davon ab, wie der Mensch den Roboter programmiert hat.

Ulrich Eberl: Nicht ganz. Smarte Maschinen können aus sich selbst heraus lernen. Anhand von Beispielen, durch Beobachten und Imitation von Menschen oder auch durch Belohnungen. Das heißt: Manbelohnt den Roboter dafür, dass er neugierig ist und eigenständig neues Wissen erwirbt. Er sammelt zum Beispiel Punkte auf einem Punktekonto, wenn ihm etwas gelingt oder er etwas richtig vorhersieht. Und so lernt er völlig neue Verhaltensweisen, die wir ihm nicht konkret beigebracht haben.

PROFILE: Und wenn er das Falsche lernt?

Ulrich Eberl: Der IT-Konzern Microsoft hat vor ein paar Monaten einen Chatbot ins Netz gestellt, der lernen sollte, wie Menschen kommunizieren. Sie mussten ihn nach 48 Stunden wieder vom Netz nehmen, weil er inzwischen gelernt hatte, den Holocaust zu verharmlosen und Hitler zu loben. Da haben sich Menschen einen Spaß erlaubt, ihm solche Sachen beizubringen. Wir müssen also auch darüber nachdenken, welche Art von Ethik notwendig ist und wie man Moral in die Maschinen implementiert. Wenn mich ein Roboter den ganzen Tag begleitet, dann muss ich ihm beibringen, was richtig und was falsch ist. Das muss ich bei einem Kleinkind ja auch. Aber grundsätzlich können uns diese neuen Technologien weit mehr nützen als schaden.

PROFILE: Wie wird dieser Fortschritt unseren Alltag im Jahr 2050 verändert haben?

Ulrich Eberl: Es wird etwa eine Menge autonomer Elektrofahrzeuge auf den Straßen geben. Alleine schon, weil auch die vielen 80-, 90- oder 100-Jährigen dann gerne noch mobil sein wollen. Aber die U-Bahn ist für einen 90-Jährigen kein Vergnügen. Also brauchen wir autonome, bequeme Fahrzeuge. Und die zunehmende Zahl alter Menschen braucht auch zu Hause smarte Unterstützung, um möglichst lange selbstbestimmt zu leben.

PROFILE: Ein 100-jähriger soll seinen Haushaltsroboter programmieren? Wie soll das funktionieren? Meine Mutter bedient mit Mühe ihr Handy ...

Ulrich Eberl: Das Tolle ist, dass wir dann mit dieser Hausund Kommunikationstechnik wie mit Menschen reden können und dass sie unsere Gesten und Mimik versteht. Wir werden in Zukunft wesentlich intuitiver mit Maschinen umgehen, als wir es heute gewohnt sind.

PROFILE: Auch außerhalb unserer Wohnung werden wir dann von Sensoren umgeben sein?

Ulrich Eberl: Unsere historisch gewachsenen Städte werden nicht wesentlich anders aussehen als jetzt. Aber im Hintergrund wird sich sehr viel ändern. Es wird Hunderttausende von Sensoren geben, die Energieverbrauch, Verkehr, Schadstoffemissionen oder die Parkplatzbelegung messen. Überall. Und sie werden intelligent verknüpft sein. Lernfähige Systeme können dann zum Beispiel selbstständig erarbeiten, wie sich der Verkehr beeinflussen lässt, damit kein Smog entsteht. Etwa mit Umleitungen, Mautgebühren, Tempolimits oder Sperrungen.

PROFILE: Werden diese Maschinen dann so smart sein, dass sie unseren Kindern die Arbeitsplätze wegnehmen?

Ulrich Eberl: Praktisch jeder Job wird durch die Entwicklung der smarten Maschinen beeinflusst. Es gibt eine berühmte Studie von Oxford- Wissenschaftlern, nach der 47 Prozent aller Jobs gefährdet sind. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Arbeitsplätze wegfallen. So wird etwa ein Arzt in Zukunft sicherlich durch smarte Maschinen unterstützt werden. Die durchsuchen Tausende von anonymisierten Patientenakten, Fachliteratur und so weiter und geben dem Arzt Empfehlungen in Sachen Diagnose und Therapie. Aber der Arzt ist immer noch da, weil er den sozialen Kontakt zum Patienten pflegen muss. Die Mensch-Mensch-Kommunikation bleibt hier ebenso wichtig wie bei Bankberatern, Lehrern, Pflegekräften und vielen anderen Jobs.

PROFILE: Also ich hätte Angst davor, dass meine Daten irgendwo landen, wo sie nicht hingehören.

Ulrich Eberl: Da muss man in der Tat aufpassen. Ich würde mir auch kein Gerät auf den Wohnzimmertisch stellen, das per Sprachbefehl Einkäufe tätigt oder die Tür öffnet. Zumindest solange ich nicht genau weiß, was es mit meinen Informationen macht, die es den ganzen Tag zu hören bekommt.

PROFILE: Und Ihr Roboter hört nicht zu?

Ulrich Eberl: Doch, mein Roboter hört auch zu. Aber er schickt das dann nicht an irgendeinen Server in den USA, sondern verarbeitet es intern.

PROFILE: Es bleibt in der Familie ...

Ulrich Eberl: Genau, es bleibt sogar in der Maschine!

Text: Julia Graven
Foto: Ulrich Eberl