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„Haptik und Digitalisierung sind kein Widerspruch.“

Christian Labonte
Verantwortlich für Designkommunikation und strategische Projekte innerhalb Audi Design, Ingolstadt.


Oberflächen werden immer glatter, beanspruchbarer, glänzender… Welchen Stellenwert hat echte Haptik noch – gerade im Rahmen des Automobil-Designs?

Die taktile Qualität von Produkten mit ihren Oberflächen, Schaltern, Griffen und Displays ist ein Verstärker unseres emotionalen Empfindens. Gerade im Automobil kommt der Haptik als Dimension eine besondere Stellung zu. Stellen Sie sich einen Neuwagen auf einer Automesse vor. Ein neugieriger Besucher kann gar nicht anders, als das Fahrzeug zu „begreifen“, weil er sein Umfeld intuitiv durch haptischen Kontakt verstehen will. Er setzt sich hinein und tastet alles ab. Als Marke wollen wir das Versprechen einer gelungenen Karosseriegestaltung auch durch die Qualität des Innenraums einlösen. Mit sämtlichen Materialien, Oberflächengestaltung und dem gewählten Farbklima. Hinzu kommt die Ergonomie, bei der die Haptik zur Qualität des Bedienvorganges beiträgt. Wenn der Fahrer zum Beispiel die Raumtemperatur per Touch Display einstellt, erfolgt die visuelle Rückmeldung an den Nutzer auf der Anzeige. Zusätzlich erfolgt eine Vibration an der Fingerkuppe als haptisches Feedback. Dieser Mehrwert, der mir das Leben im Detail erleichtert, weil er mir Sicherheit in meinem Umfeld gibt, verstärkt die emotionale Bindung zum Auto.

Digitalisierung versus Dinghaftem. Wie schafft man in Ihrem Metier eine ausgewogene Balance?

Die Digitalisierung in allen Bereichen kann unser Leben vereinfachen und erleichtern, weil sie Zugang zu Wissen und dadurch Entscheidungen ermöglicht. Gleichzeitig nehme ich eine Entwicklung wahr, in der sich Menschen angesichts der digitalen Omnipräsenz nach analoger Erfahrung und sinnlichen Erlebnissen sehnen. Handwerkliche Erzeugnisse sind wieder sehr gefragt, insbesondere wenn sie von einer starken Geschichte getragen werden und man erfährt, wo der genutzte Werkstoff gewachsen oder entstanden ist und wer ihn auf welche Weise geerntet oder veredelt hat. Gefragt sind vor allem einzigartige Erzeugnisse, die eine neutrale CO2-Bilanz haben. Ein konkretes Beispiel bildet das User Interface. Die meisten unserer Wettbewerber ordnen den Bildschirm als expressiven Solitär an. Wir haben ihn hingegen ganz bewusst nahtlos in das Interior integriert und erhalten so das bekannte Schalttafelthema. Wo bislang Dekorflächen den Innenraum schmückten, befindet sich nun bei Audi das Touch Display. Wenn Sie so wollen verfolgen wir eine behutsame Revolution.

Die gute, eigenständige Form… gibt es die heute noch? Oder wird alles eher homogen und austauschbar?

Auf jeden Fall. Der Stellenwert des Designs ist hoch und nimmt sogar noch zu. Denn durch die E-Mobilität ist die technologische Eintrittsbarriere deutlich niedriger als bisher. Viele neue Wettbewerber sind innerhalb sehr kurzer Zeit aufgetaucht. Denn man benötigt keine 100 Jahre Erfahrung im Bau von Autos, um konkurrenzfähig zu sein. Das Design sorgt für die notwendige Differenzierung im Wettbewerb, aber auch innerhalb des eigenen Produktportfolios, um den Kunden einen unerwarteten Mehrwert zu bieten. Kurz gesagt: Es geht um die Konsistenz und Konsequenz der markenspezifischen Storyline.

Nach welchen Parametern entwickeln Sie eine Formensprache, die Audi Identität verleihen? Wir setzen dabei auf Designmerkmale, die seit Jahrzehnten für die Marke Audi stehen.

Als Allradmarke betonen wir beispielsweise den quattro-Antrieb durch sehr muskulös wirkende Kotflügel und machen so Vorsprung durch Technik sichtbar. Auch der Kühlergrill, bei uns Singleframe genannt, ist ein wichtiges Erkennungsmerkmal unserer Marke, der zugleich eine Unterscheidung zwischen A-, Q- und R-Familie liefert. Neben der Verbrennerwelt unterscheiden wir zusätzlich in Designmerkmale für unsere e-tron-Modelle, also die elektrisch betriebenen Fahrzeuge.

Der Wunsch nach Panorama und Weitblick ist in der Architektur zunehmend gestaltungsprägend. Wie äußert sich das in dem Automobil-Design?

Wenn Sie sich aktuelle Showcars der vergangenen Jahre ansehen, repräsentieren sie immer auch ein Stück weit die Zukunft der Marke. Durch Transparenz geprägte Konzepte stehen dabei für ein positives Zukunftsgefühl, das auch bei den Serienfahrzeugen zu beobachten ist. Hier sind es besonders die Dachfenster, die den Eindruck von Offenheit und Leichtigkeit erwecken. Doch was spricht dagegen, dass sich die Panorama-Verglasung in Zukunft auf transluzent oder ganz undurchsichtig umstellen lässt. Das Auto würde dann zum Rückzugsort.

Die Haptik welchen Gegenstandes aus Ihrem Umfeld/aus der Natur beeindruckt Sie am meisten?

Natürliche und unverfälschte Materialien faszinieren mich. Als gelernter Möbelschreiner und Industriedesigner habe ich deshalb eine besonders starke Affinität zum Werkstoff Holz. Vor vielen Jahren fand ich beim Spaziergang am Mittelmeer ein großes und ungewöhnlich geformtes Stück Treibholz. Es stammt von einem Nadelbaum und hatte viele Monate im Wasser zugebracht. Die daraus entstandene Form ist einzigartig. Sie regt die Fantasie an und man entdeckt in der Maserung die komischsten Gesichter und Tiere. So etwas lässt sich im Prinzip nicht industriell herstellen, und das ist auch gut so. Wichtig ist, dass den Dingen eine Geschichte innewohnt, über die ich eine emotionale Bindung entwickeln kann.

Welche Rolle spielt bei Ihnen der Übergang von Innen nach Außen in Ihrem privaten Wohnumfeld oder gar am Arbeitsplatz? Wie sehr benötigen Sie einen sinnhaften Ausgleich in der Natur?

Die Natur sorgt bei mir für innere Balance und Ausgleich. Die ersten Jahrzehnte habe ich im städtischen Umfeld verbracht: im Rheinland bei Düsseldorf aufgewachsen, im Ruhrgebiet studiert und auch in Ingolstadt nah zur Innenstadt gelebt. Vor zwei Jahren sind wir aber raus aufs Land gezogen. Dort ist die Natur vielmehr Teil im familiären Leben und man erlebt alles viel intensiver, im wahrsten Sinne „hautnah“: die Jahreszeiten, Sonne, Schnee, Wind, Temperaturen, usw. Demgegenüber sind die urbanen Räume wichtige Orte für Inspiration und die soziale Interaktion. Ein anderes Beispiel ist mein Arbeitsplatz bei Audi. Vor gut eineinhalb Jahren sind wir mit dem gesamten Designteam von 400 Personen in ein neues Designcenter gezogen. Ein von gmp Architekten, von Gerkan, Marg und Partner, geplantes Gebäude, mit hohen Anforderungen an Gebäudetechnik und Sicherheit. Um die Designmodelle optimal gestalten zu können, benötigen wir große Modellhallen, die zugleich die Geheimhaltung sicherstellen. Entstanden ist folglich ein vollständig verglastes Gebäude mit maximaler Transparenz, das höchste Sicherheitsstandards gewährleistet. Von innen hat man das Gefühl totaler Offenheit und die Einbeziehung des Umfelds. Die untergehende Sonne lässt uns Kollegen manchmal fasziniert innehalten und den Horizont betrachten. Das zahlt natürlich auf unser Wohlfühlgefühl ein.

Der Blick nach draußen – wo genießen Sie ihn am meisten? Ihr Lieblingsort?

Das ist das eben erwähnte Haus auf dem Land. Bei Fönwetterlage kann ich aus meinem Garten die Zugspitze und von den nach Süden gelegenen Wohnräumen über München hinweg die Chiemgauer Alpen sehen. Das sind dann für mich sehr besondere Momente.