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Grenzgänger zwischen gestern und morgen – Porträt über Peter Haimerl

Mit seinem archaisch-minimalistischen Konzerthaus in Blaibach oder seinen Umbauten alter Bauernhäuser kommt Peter Haimerl eine Sonderrolle in der deutschen Architekturszene zu. Mit aller Leidenschaft setzt sich der im Bayerischen Wald aufgewachsene und heute in München tätige Planer für den Erhalt und die Fortführung historischer Bautraditionen ein. Nicht aus Weltflucht, sondern um das Repertoire zeitgenössischer Architektur zu erweitern und dem mitunter so beliebigen Zeitgeist eine klare Haltung entgegenzusetzen.

Als Peter Haimerl 2008 ge meinsam mit seiner Frau Jutta Görlich beschlossen hatte, ein ruinöses altes Bauernhaus im Bayerischen Wald zum eigenen Domizil herzurichten, da lautete der Auftrag schlicht: »Ich will, dass das Gebäude bleibt, wie es ist, aber ich will nicht frieren!« Das klingt zunächst deutlich einfacher, als es dann tatsächlich war. Denn das ursprüngliche Bauernhaus, das nach seiner Errichtung im Jahr 1840 mehrfach erweitert und aufgestockt worden war, hatte bereits seit mehr als dreißig Jahren leergestanden: »Mit seinem Stall im Haus, der Stube als einzigem warmem Kern oder dem als Kornspeicher genutzten Dachboden spiegelte es aber ganz lebendig vergangenes bäuerliches Leben wider«, erklärt Peter Haimerl rückblickend. »Um diesen ganz eigenen Zustand, das Flickwerkhafte, das Angestückelte zu bewahren, haben wir beschlossen, die vorhandene Substanz nicht auszuradieren oder zu überformen, sondern stattdessen behutsam neu zu interpretieren.«

Unter dem Titel »Birg mich, Cilli!« – benannt nach der letzten Bewohnerin, der Bäuerin Cilli Sigl – entstand schließlich die Idee, die vorhandenen Fenster, den alten Putz, die Bodenfliesen und andere alte Einbauten weitgehend zu erhalten und stattdessen vier neue Kuben aus hochdämmendem Leichtbeton als neue Wohnräume zu integrieren. »Die Einbauten verdecken das Alte aber nicht, sondern lassen durch große Öffnungen den unrenovierten Bestand sichtbar werden«, erklärt Peter Haimerl, der nach seinem Studium an der FH München zunächst bei Günther Domenig, bei Raimund Abraham und bei Klaus Kada arbeitete, bevor er 1991 sein eigenes Büro gründete. »Das Neue rahmt dabei bildgleich das Alte ein, stützt und schützt es, das Alte nimmt das Neue auf.«

Stube im Wohnhaus »Birg mich, Cilli«

Eine ähnliche Strategie verfolgte Peter Haimerl auch beim jüngst fertiggestellten Umbau eines bereits 1963 aufgegebenen Austragshauses im bayerischen Arnbruck. Um den zur Hälfte bereits eingestürzten Holzblockbau mit Granitsockel zu erhalten und neu zu beleben, nutzte der 57­jährige Architekt unter anderem bemooste Granitblöcke im Umfeld des Hauses als Vorbild, die abstrahiert als 43 mal 43 Zentimeter dicke Betonbarren weitergedacht und in den Bestand eingeschoben wurden, um das verwitterte Holz zu stützen oder um ganze Wände zu ergänzen. Im kontrastreich inszenierten Zusammenspiel von Alt und Neu sowie von Holz und Beton entstand ein skulptural wirkender Bau, der auf einer Fläche von 180 Quadratmetern unterschiedliche Schlaf­, Wohn­ und Seminarräume integriert. »An Beton schätze ich, dass er kaum bearbeitet werden muss«, erklärt Peter Haimerl, der jüngst mit dem Bayerischen Staatspreis für Architektur ausgezeichnet wurde und der neben alten Bauernhäusern überraschenderweise auch das überaus komplexe Haus X des amerikanischen Architekten Peter Eisenman als eines seiner Vorbilder benennt. »Außerdem fügt sich das Material gut in den Bestand ein, weil die Häuser im Bayerischen Wald immer eine Art Flickwerk waren.«

Außenansicht Wohnhaus »Birg mich, Cilli«

Deutlich bekannter als die beschriebenen Umbauten im Bayerischen Wald ist das 2014 fertiggestellte Konzerthaus in Blaibach. Um ein ikonenhaftes Zeichen zu schaffen, das gemeinsam mit einem neuen Bürgerhaus eine Revitalisierung des Ortskernes ermöglicht, entwickelte Peter Haimerl einen parallel zur absteigenden Topografie um 24 Grad gekippten Solitär aus Beton, der mit seiner Granitfassade ganz explizit an die Steinhauertradition Blaibachs anknüpft. Die Erschließung des Innenraumes erfolgt über eine direkt unterhalb der Gebäudeneigung platzierte Treppe, die die Besucher vom neuen Dorfplatz hinab ins unterirdisch gelegene Foyer führt. Weitere Überraschungen bietet anschließend der Konzertsaal mit seiner 200 Plätze fassenden, direkt auf der Schräge des Baukörpers ruhenden Zuschauertribüne. Die präzisen Lichtschlitze in den unbehandelten Betonwänden und die dort integrierten LED­Leuchten und Bassabsorber sorgen dabei für eine dynamisch­bewegte Beleuchtung und eine optimierte Akustik.

Innenraum Wohnhaus »Birg mich, Cilli«

Parallel zu seinen architektonischen Entwürfen realisiert Peter Haimerl auch Revitalisierungsprojekte im ländlichen Raum. Ein gutes Beispiel dafür ist sein seit 2017 laufendes Projekt für die im südlichen Fichtelgebirge gelegene Gemeinde Brand. Um das vorhandene Dorfbild behutsam aufzuwerten und den konstatierten Rückgang an dörflicher Lebensqualität umzukehren, entwickelte Haimerl unter anderem die Idee, das vorhandene Schlachthaus auf Stützen zu stellen und zu einem Infopoint, örtlichen Treffpunkt und zu einem Lebensmittelladen umzubauen. Das leerstehende Freibad aus den siebziger Jahren wird wieder genutzt als Parkanlage, in die zusätzlich Pavillons eingebaut und als Coworking­Spaces genutzt werden. Parallel dazu sollen eine ortseigene Kinderbetreuung sowie kostengünstiger Wohnraum für unterschiedlichste Lebenskonzepte von der Kleinfamilie bis zum generationsübergreifenden Wohnen geschaffen werden. »Im Verbund der verschiedenen Maßnahmen wollen wir gezielt zwischen Tradition und aktuellen Bedürfnissen vermitteln«, erklärt Peter Haimerl. »Ganz wichtig dabei ist aber, dass die Menschen verstehen, dass ländliches Leben deutlich mehr bedeutet als Trachten­ und Schützenvereine.« Denn Leben auf dem Land heißt Trends zu setzen mit zeitgemäßer Architektur, Kultur und Lebensfreude.

Austragshaus »am Schedlberg«

Drei Fragen an Peter Haimerl, Peter Haimerl Architekten

PROFILE: Wenn Sie kein Architekt geworden wären, was dann?

Peter Haimerl: Es gab keine Alternative, ich hatte viele Berufswünsche, vom Kommunikationsdesigner bis Physiker. Die Entdeckung, mit dem Gebauten die verschiedenen philosophischen Ansätze, die mir durch den Kopf gehen, konkret umsetzen zu können, war eher ein Zufall. Denn keine Disziplin vereint sich mit so vielen Gebieten wie die Architektur.

PROFILE: Mit wem würden Sie gern einen Tag im Leben tauschen?

Peter Haimerl: Wahrscheinlich mit Freddie Mercury, dem legendären Sänger von Queen. Weil ich selbst nicht besonders musikalisch bin, würde ich gerne mit einem Musiker tauschen, um dessen Perspektive der Welt kennen zu lernen.

PROFILE: Was muss man im Bayerischen Wald gesehen haben?

Peter Haimerl: Als Erstes muss man im Lindner Bräu in Kötzting einkehren. Und anschließend den »Pfahl« besuchen. Auf 150 km Länge und 10 bis 40 Metern Höhe verläuft eine uralte Bruchlinie durch den Bayerischen Wald. Der Silizium­Quarz­Keil ist eine geologische Einmaligkeit, die sich wie ein Drachenrückgrat durch den Bayerischen Wald zieht und immer wieder auftaucht. Diese magische Gesteinsformation wirkt wie eine riesige unsichtbare Kompassnadel, nach der sich die gesamte Topographie und die Bebauung der Region ausrichtet.

Text: Robert Uhde
Fotos: Edward Beierle