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Das Zusammenwirken von Architektur und Stadt im Wandel der Zeit

Gerber Architekten konnten in den letzten Jahren und Jahrzehnten zahlreiche Labor-, Forschungs- und Bildungsbauten, so das Institut für Physik der Universität Rostock, die Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt oder die Berufskollegs Dortmunder U realisieren. Hinzu kommen markante Bürobauten, wie das Harenberg City Center oder der RWE Tower in Dortmund. Und dem etablierten Architekturbüro gelingt es immer wieder aufs Neue, mit seinen Wohnungsbauten Orte zu kreieren, an denen sich die Bewohner wohlfühlen, gern leben. Großes Anliegen von Gerber Architekten ist es, Architektur zu schaffen, in der die Menschen sich gerne aufhalten und miteinander kommunizieren. Ihre Räume sollen sich ihren Nutzern wie selbstverständlich erschließen und im Kontext mit dem umgebenden Stadtraum und der Landschaft stehen.

 

Prof. Eckhard Gerber

1966 von Prof. Eckhard Gerber gegründet, verfügen Gerber Architekten über fast 50 Jahre Expertise und sind mit ihrem breit aufgestellten Team in den Arbeitsfeldern Architektur, Städtebau, Landschaftsplanung und Innenraumgestaltung erfolgreich tätig. Rund 170 Mitarbeiter engagieren sich in den vielfältigen Projekten und mit verschiedensten Bauaufgaben.

Ein Porträt von Gerber Architekten

PROFILE: Fast fünfzig Jahre Gerber Architekten – bedeutet nahezu fünf Jahrzehnte Erfahrungen, Beobachtungen, persönliche Erlebnisse. Wie hat sich das Zusammenwirken von Architektur und Stadtraum seit der Gründung des Büros im Jahr 1966 in Ihren Augen verändert?

Prof. Gerber: Das Idealbild einer Stadt war und ist noch heute die Kleinteiligkeit und damit verbundene Maßstäblichkeit der mittelalterlichen Stadt. Ihre Größe und Struktur basiert auf dem menschlichen Alltag, dem Zusammenleben sowie dem menschlichen Maßstab. Der Mensch kann sie – so wie er ist und ohne Hilfsmittel – erleben und ihre Wirkung aufnehmen. Auch heute ist die Qualität einer Stadt abhängig von ästhetischen maßstabsgerechten Gebäuden und Freiräumen, die sich dem Menschen leicht erschließen und und für ihn greifbar sind. Dies birgt eine große Verantwortung für Architekten und Planer. In den 1960er Jahren, mit dem Beginn unserer Bürotätigkeit, wurde von den Stadtplanern ein anderes Ideal entwickelt: die autogerechte Stadt, in der die Bedürfnisse des motorisierten Individualverkehrs im Vordergrund standen. Mit dem Auto veränderte sich die Maßstäblichkeit der Bewegungsgeschwindigkeit des Menschen überproportional zur unveränderten Beweglichkeit des menschlichen Körpers und des menschlichen Maßstabs. Diese große Maßstabsdivergenz wurde zum Problem solcher Städte, die bis heute von den Menschen nicht angenommen werden. Mit dem Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg entstanden, diesem autogerechten Ideal folgend, Städte mit großzügig angelegten Verkehrsräumen wie in Hannover, Kassel, Köln oder in den Städten des Ruhrgebiets. Durch den Fokus auf das Auto wurden vielfach erhebliche Eingriffe in die noch erhaltene Bausubstanz sowie die alten, gewachsenen Stadtgrundrisse vorgenommen. Breite Straßen und gewaltige Brücken waren das Ergebnis dieser Planungen, denen die Kleinteiligkeit der mittelalterlichen Städte mit ihren engen und verwinkelten Gassen weichen musste. Heute wird versucht, durch Park&Ride-Angebote und den Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs, wie z. B. den Rhein-Ruhr-Express, den Autoverkehr in den Städten zu reduzieren und die Städte somit „zurückzubauen“.
Legte man in den 1950er und 1960er Jahren bei der Stadtplanung das Hauptaugenmerk auf den ungehinderten Verkehrsfluss des Autos, so wird die aktuelle Stadtentwicklung vor dem Hintergrund der Digitalisierung (z.B. Carsharing) und des demographischen Wandels diskutiert. Das betrifft ebenso die Anforderungen, die an die Gebäude in einer Stadt gestellt werden wie die entstehenden Stadträume. Ein weiterer Aspekt, durch den unsere Städte sich verändern, ist die Neuordnung der Wirtschaftszweige: Industriestandorte wurden aufgegeben. Markantestes Beispiel hierfür ist die Kohleförderung sowie die Stahlindustrie im Ruhrgebiet. Dadurch entstanden zahlreiche Brachflächen, die nun anderweitig – häufig von kleineren Gewerbetreibenden – genutzt werden oder als Kulturstandorte dienen. Eine weitere große Veränderung des Stadtgefüges entstand durch die Gründung der Ruhrgebiets-Universitäten in den sogenannten Reformjahren – meiner Meinung nach eine der klügsten Entscheidungen der Nachkriegsgzeit. Sie implizierten Bildungschancen für die Folgegeneration der Arbeiterfamilien und ließen mit ihren Absolventen eine Gründergeneration und gut ausgebildete Fachkräfte im Ruhrgebiet heranwachsen. Für die Entwicklung der Ruhrgebietsregion war dies ohne Zweifel ein wichtiger Impuls. Diese Beispiele zeigen also: unabhängig von Stadtplanern, der öffentlichen Verwaltung, Planungsbüros oder Bewohnern entwickelt sich eine Stadt weiter. 

»Nachhaltigkeit für die Stadt und die Menschen – Das ist meine Vision und zugleich mein Wunsch.« Prof. Eckhard Gerber

PROFILE: Wie entwickelt sich denn ein Architekturbüro über solch lange Zeiträume: also von den 1960er Jahren bis heute weiter?

Prof. Gerber: Jede Epoche hat ihren Zeitgeist. Dieser drückt sich auch in der Architektur aus – sowohl in der Formensprache und Kubatur als auch im inhaltlichen Programm. Ein Architekturbüro muss die Voraussetzungen und dessen Mitarbeiter die Fähigkeiten haben, den Trend zu erkennen und vor allem: ihn mit zu entwickeln und zu prägen. Um den jeweiligen Zeitgeist zu erfassen, ist Neugierde eine für den Architekten wichtige Eigenschaft. Es gilt für ihn herauszufinden, welche neuen Entwicklungen in Architektur und Alltag in die Zukunft weisen. Für die Praxis eines erfahrenen Architekten und Planers bedeutet dies, vornehmlich auch mit jüngeren Menschen zusammenzuarbeiten. Sie haben hinsichtlich ihrer Entwurfsausbildung eine andere Schule durchlaufen, und betrachten die Welt aus ihrer eigenen Perspektive. Allein dadurch sind sie näher am Zeitgeist. Wichtige Grundlage für die positive Entwicklung eines Büros ist zudem der partnerschaftliche Umgang im Büro. Architektur entsteht durch Diskussionen. Alle bringen sich ein, und gemeinsam bringen wir die Projekte voran. Das ist für mich das Schöne am Beruf des Architekten.Blicken wir auf den Fortschritt in den Architekturbüros im Allgemeinen, bin ich mir sicher, dass die diversifizierte Bürolandschaft der Architekten sich zu weniger, aber dafür größere Büros entwickeln wird, die den überwiegenden Teil der Planungsaufgaben umsetzen. Grund dafür sind die Vergabeverfahren für Projekte, die eine Expertise in dem jeweiligen Aufgabenbereich voraussetzen. Das muss zur Folge haben, dass Architekturbüros in einzelnen Planungsbereichen spezialisieren werden. Junge Büros mit möglichen neuen, innovativen Ansätzen werden es hingegen schwer haben, sich in den gesetzten Arbeitsfeldern zu positionieren.

PROFILE: Ihre Architektursprache steht nicht für einen wiedererkennbaren Stil, sondern vielmehr für eine jeweils für Ort und Nutzung entwickelte zeitgemäße Ausdrucksweise. Was sind die zentralen Themen Ihrer Architektur?

Prof. Gerber: Die Entwürfe, die in unserem Büro entwickelt werden, zeichnen sich in der Tat nicht durch einheitlichen Stil aus. Es sind Prinzipien, die wiedererkennbar sind. Die Funktionalität ist ein wichtiger Aspekt, ebenso die Verknüpfung von Gebäude und Landschaft sowie Räume für Kommunikation zu schaffen. Eine mögliche Schwierigkeit, die eine Entwurfsaufgabe oder ein Grundstück birgt, sehen wir als Herausforderung und die Möglichkeit, aus ihr ein Konzept zu formen. Den Entwurf sehen wir zudem stets im Kontext zum Stadtraum, in dem er steht. Zum Beispiel das Harenberghaus in Dortmund: Wir hätten dort einen gewöhnlichen Blockrand bauen können. Mit dem Verleger Bodo Harenberg konnten wir jedoch ein Gebäude entwickeln, das zum einen einen eigenen Stadtraum in Richtung Hauptbahnhof bildet und sich zum anderen in den bestehenden Stadtraum einfügt. Das wird dadurch möglich, dass es den historischen Dortmunder Wallring in seiner Form im sogenannten "Tortenstück" aufnimmt und fortführt und dabei dennoch eine Eigenständigkeit erreicht und als Orientierungspunkt in der Stadt dient. Unser Anliegen ist es, aus der vorhandenen Situation, einen neuen Ort zu schaffen. Dass Gebäude ihren Beitrag zum Stadtraum leisten müssen, darf dabei nicht außer Acht gelassen werden.

PROFILE: Ihr Architekturbüro ist international aktiv – aktuell vorrangig im Mittleren Osten und in China. Was können wir aus anderen Kulturen lernen? Fließen die vielfältigen Erfahrungen in Zukunft in die Planungen mit ein? 

Prof. Gerber: Es ist immer inspirierend andere Kulturen kennenzulernen – ihre Werte und ihre Denkweise, die sich auch in der regionalen Architektur ausdrücken. So lernen wir durch jedes aktuelle Projekt für die folgenden und dies nicht nur für die Projekte im Ausland, sondern auch die in Deutschland. Die internationale Zusammenarbeit ist dabei ein wichtiger Aspekt, denn die Internationalisierung der Architekturbüros wird voranschreiten und länder- bzw. kontinentübergreifende Kooperationen werden zunehmen.

PROFILE: Wenn Sie ein Resümee über Ihr Schaffen ziehen – welche Visionen aus Städtebau und Architektur werden in Zukunft unsere gesellschaftlichen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen bestimmen? Wie muss die Stadt der Zukunft gebaut / weiterentwickelt werden?

Prof. Gerber: Wie bereits gesagt: mit der Industrialisierung und der Verbreitung des Autos hat sich die Stadt verändert. Ich denke, dass die Bedürfnisse des Menschen bei der Planung von Stadträumen wieder mehr in den Vordergrund rücken müssen. Auch hier muss der Mensch sich wohlfühlen, da dieser ihn täglich umgibt. Schön gestaltete offene Plätze mit hoher Aufenthaltsqualität und der Einbindung von Grün sind gefordert. Man sieht es in den Städten, deren Stadträume funktionieren – dort, wo viele Menschen sich gern aufhalten, miteinander kommunizieren. Besonders im Zeitalter der digitalen Welt werden Räume für die Kommunikation und den persönlichen Austausch immer wichtiger. Dies ist auch eine unserer Entwurfsgrundlagen für unsere Gebäude. Mit der Globalisierung und der Interaktion von verschiedenen Kulturen wird darüber hinaus die soziale Mischung immer wichtiger. Um einer Ghettoisierung entgegenzuwirken, müssen Wohnformen geschaffen werden, die verschiedenen sozialen Strukturen und Kulturen gerecht werden und das Wohlbefinden der Bewohner fördern.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Nachhaltigkeit von Gebäuden. Dabei geht es zum einen um die Verwendung von beständigen und energieeffizienten Materialien. Aber auch die Funktionalität eines Gebäudes über Jahrzehnte hinweg muss dabei Berücksichtigung finden. Die Nutzungsanforderungen sowie der Funktionsbedarf können sich im Laufe der Zeit ändern, so dass eine mögliche Flexibilität und damit eine freie Grundrissgestaltung im Gebäude ein wichtiger Gesichtspunkt ist.
Das ist meine Vision und zugleich mein Wunsch – Nachhaltigkeit für die Stadt und die Menschen.