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Brutalismus 2.0 – Porträt von Grafton Architects

Mit präzise komponierten Volumina in neobrutalistischer Anmutung gelingt Yvonne Farrell und Shelley McNamara vom Dubliner Büro Grafton Architects eine bemerkenswerte Verbindung von städtebaulicher Präsenz und überraschenden räumlichen Qualitäten. Für die vor Kurzem eröffnete Universidad de Ingeniería y Tecnología (UTEC) in Lima haben die zwei Planerinnen den begehrten RIBA International Prize für das weltweit beste Gebäude 2016 erhalten. Im kommenden Jahr werden die beiden die 16. Architektur-Biennale in Venedig kuratieren.

Mit einer kompromisslosen und materialbetonten Architektursprache, die virtuos mit dem Erbe des Brutalismus spielt, treffen die Projekte von Grafton Architects schon seit Jahren den Nerv von Architekturkritikern, Bauherren und Publikum gleichermaßen. Zu den Schwerpunkten des 1978 durch Yvonne Farrell und Shelley McNamara mitgegründeten, aktuell mit rund 25 Mitarbeitern tätigen Büros zählten von Beginn an Schul- und Bildungsbauten – zunächst überwiegend in Irland, mittlerweile auch weit über die Landesgrenzen hinaus.

Jüngstes Projekt der Architekten ist der weltweit beachtete Universitätscampus UTEC im peruanischen Lima. In unmittelbarer Nähe zur Pazifi kküste trifft der Blick dort auf eine imposant aufsteigende, sich nach oben verjüngende Betonskulptur, die auf zwölf Ebenen eine raffiniert verwobene vertikale Universitätslandschaft integriert. Der nördlich verlaufenden Stadtautobahn stellt sich der Bau als mächtige Gebäudefront mit rhythmisch vibrierender Megastruktur entgegen, überdeckt durch eine imposante, auf schräg vorkragenden Schottenwänden ruhende Dachkonstruktion. Nach Süden steigt er demgegenüber mit begrünten Terrassen zu einem angrenzenden Wohnviertel herab. Ein weiteres ungewöhnliches Element des Neubaus sind die nach Norden den verschiedenen Hörsälen und Büros vorgelagerten, dabei halb offen mit dem Außenraum verbundenen Erschließungsgalerien, Brücken und Treppenhäuser, die sich mit dem sichtbaren Tragwerk zu einem virtuos komponierten Ganzen verbinden und dabei unterschiedlichste Orte der Begegnung schaffen. Im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente ist den Architekten ein völlig neuer Typus für die Bauaufgabe Universitätscampus gelungen, der eindrucksvoll die gestalterischen Qualitäten des Büros auf den Punkt bringt.

Grafton Architects: Yvonne Farrell und Shelley McNamara

Eine ganz andere Lösung zeigt der bereits 2002 fertiggestellte Neubau für das Trinity College in Dublin. Um eine moderne, aber respektvolle Erweiterung des bestehenden Universitätscampus’ aus dem 19. Jahrhundert zu ermöglichen, entwickelten Yvonne Farrell and Shelley McNamara eine komplex verkantete geometrische Figur aus hellem Naturstein, die sich geschmeidig um den bestehenden Backsteinbau windet. Und auch bei dem 2006 im irischen Navan eröffneten Theaterneubau des Solstice Arts Centre spielt der überraschende Kontrast von Materialien eine wichtige Rolle: Über einem durchgehend verglasten Sockel »schwebt« hier ein schweres Volumen aus dunkelgrau gefärbtem Beton.

»Die Entwicklung einer effizienten Tragstruktur erlaubt uns eine große Freiheit in der Raumeinteilung«, erklären Yvonne Farrell und Shelley McNamara. »Der eigentliche Raum entsteht dann als der Hohlraum zwischen den massiven Gebäudeelementen.« Ein gutes Beispiel für diese Strategie ist die bereits 2008 fertiggestellte Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand. Ausgehend von der vielbefahrenen Straßenschlucht im Zentrum der Stadt entwickelten die Planerinnen einen horizontal in verschiedene Volumina untergliederten, auf einem gemeinsamen Unterbau ruhenden und nach außen recht geschlossenen Komplex mit Fassaden aus Ceppo, einem körnigen Sedimentgestein, der in seinem Inneren durch ein offenes Labyrinth von Lichthöfen, Brücken, hängenden Gärten, Terrassen und Treppen strukturiert wird. Im Zentrum steht dabei das fünf Meter unter der Erde gelegene Auditorium, das über die große Glasfassade im Erdgeschoss mit dem direkt angrenzenden Straßenraum verbunden ist.

Mit dem Universitätscampus UTEC im peruanischen Lima ist Grafton eine ganz neue Antwort auf die Bauaufgabe Universitätscampus gelungen.

»Das Bocconi-Gebäude ist das Ergebnis unserer jahrelangen Überlegungen zum Thema Stadt und zur Bedeutung von Universitäten im städtischen Gefüge«, beschreiben die beiden Architektinnen die Bedeutung des Baus innerhalb des eigenen Werks. Direkt einbringen können sie diese umfangreiche Erfahrung aktuell bei zwei weiteren Neubauprojekten für die Universität Toulouse sowie einem Neubau für die London School of Economics. Und »ganz nebenbei« sind Yvonne Farrell und Shelley McNamara im kommenden Jahr außerdem als Kuratorinnen der 16. Architektur-Biennale 2018 in Venedig engagiert: »Unter dem Ansatz ›Freespace‹ wollen wir dabei die Menschlichkeit als Kern von Architektur thematisieren und einen Raum der Möglichkeiten schaffen, einen demokratischen Raum, unprogrammiert und frei für unvorhergesehene Nutzungen«, erklären die beiden. »Jenseits des Architekturbetriebs soll es dabei um die Rolle der Architektur mit ihrem Spiel von Licht, Schatten, Wind und Schwerkraft in der Choreografie des alltäglichen Lebens gehen.« Man darf gespannt sein.

Überraschende Kontraste von Glas und Beton: der Theaterneubau des Solstice Arts Centre im irischen Navan.
Der Erweiterungsbau für das Trinity College in Dublin windet sich als komplex verkantete Figur aus hellem Naturstein um den bestehenden Backsteinbau.

Text: Robert Uhde
Fotos: Ros Kavanagh, Iwan Baan