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Die Suche nach dem „Beinahe-Nichts"

Weniger geht nicht, möchte man angesichts der Arbeiten von SANAA meinen. Doch dann überraschen Kazuyo Sejima (*1956) und Ryue Nishizawa (*1966) erneut mit einem Entwurf, der die vorangegangenen in den Schatten stellt. Das für seine puristischen Bauten bekannte Architektenduo aus Tokio wurde 2010 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet.

Das Können der japanischen Architekten Sejima und Nishizawa beschränkt sich nicht darauf, das Außergewöhnliche zu denken, sondern die beiden verstehen es auch, dieses mit Verve zu kommunizieren. So geschehen in Weil am Rhein, wo SANAA die Produktionshalle der Schwesterfirma Vitrashop auf dem Vitra Campus gestalteten. „You never win against Sejima", sagte Bauherr Rolf Fehlbaum bei der Pressekonferenz mit einem strahlenden Gesicht. „Manchmal kann sie sogar etwas dickköpfig sein." Statt, wie von der Firmenleitung gefordert, die Gesamtfläche der neuen Halle in vier separate Bereiche zu unterteilen, schlugen SANAA ein einziges, nahezu kreisrundes Gebäude vor. Die Fassadenverkleidung aus nur 6 mm dickem, gewellten Acrylglas umschließt das Gebäude wie ein Vorhang. Sie verleiht dem riesigen Volumen einen leichten, fast schwerelosen Charakter. Nach der Fertigstellung der "Zukunftsfabrik" im Jahr 2009 musste der Bauherr noch drei Jahre lang auf die Fassade warten.  Die Geduld hat sich gelohnt: SANAA haben den Industriebau neu erfunden.

Dabei handelt es sich um das erste Produktionsgebäude in der nahezu 20-jährigen Zusammenarbeit des Architektenduos. „Sejima and Nishizawa and Associates" formierten sich 1995 zu SANAA. Neben dem gemeinschaftlichen Büro betreiben beide Partner ihre eigenen Büros. Nachdem SANAA in den 1990er-Jahren einige Wohnhäuser und kleinere Museen in Japan realisiert hatten, verlagerten sie den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit zunehmend nach Europa und in die Vereinigten Staaten, wo sie sich mit ihren außergewöhnlichen Vorschlägen schnell ein unverkennbares Image aufbauten. Transparenz und Offenheit, eine minimalistische Reduktion in Material und Farbe, eine Vorliebe für Glas, Beton und die Farbe Weiß charakterisieren die Entwürfe von SANAA. „Wir konzentrieren uns auf die Essenz, das ist das Wichtigste für uns. Und die Essenz eines Raumes ist nun mal Weiß. Noch reduzierter geht es nicht, sonst wäre unsere Architektur wahrscheinlich durchsichtig oder unsichtbar“, erklärte Sejima in einem ihrer raren programmatischen Statements.
Diese Suche nach dem „Beinahe-Nichts" zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten von SANAA. Trotz der beeindruckend umfangreichen Werkliste zeigt ihre Internetpräsenz lediglich fünf E-Mail-Adressen vor weißem Hintergrund. Diese Zurückhaltung vermittelt genau die Einfachheit, die SANAA auch in ihren Entwürfen kultivieren.

Weltweite Anerkennung fand das Architektenduo mit dem 2004 eröffneten „Museum für zeitgenössische Kunst des 21. Jahrhunderts" in Kanazawa. Der kreisrunde Baukörper hat weder eine Schauseite noch einen klar definierten Haupteingang. Die öffentlichen Nutzungen sind entlang der rundum verglasten äußeren Fassade angeordnet. Im Inneren des Kreises liegen die auf diverse Galerien verteilten Ausstellungsbereiche, umgeben von Erschließungszonen und durchsetzt mit Innenhöfen, durch deren gläserne Fassaden Tageslicht ins Gebäudeinnere gelangt. Je nach Raumbedarf können die Bereiche mit großformatigen Glasschiebewänden gegliedert werden. Mit diesem traditionell japanischen Bauelement brachten SANAA nicht nur das komplexe Raumprogramm eine äußerst reduzierte Form, sondern über die kreisrunde Außenfassade stellten sie auch die für ihre Entwürfe charakteristische Beziehung zwischen Innen- und Außenwelt her.

Wie die japanischen Architekten die Massivität europäischer Bauten auflösen, lässt sich am Zollverein-Kubus ablesen. Das 2006 eröffnete Hochschulgebäude wurde für die inzwischen wieder geschlossene "Zollverein School of Management and Design" errichtet. Über die Fassaden des 35 x 35 x 34 m messenden Kubus spannten SANAA im Wettbewerbsentwurf ein feinmaschiges Raster von rund 3500 unterschiedlich großen Fensteröffnungen. Dass diese Vielfalt bei der Umsetzung auf 132 Fenster in vier Größen reduziert wurde, ist erst auf den zweiten Blick auszumachen. Auffallend dagegen ist die Konzentration der Fenster auf die gegenüberliegenden Ecken. Die Positionierung resultiert aus einer Tageslichtsimulation, die die Aspekte „Nutzung" und „Ausrichtung" optimierte. In einem zweiten Schritt verfeinerten SANAA die Anordnung um den Aspekt „Ausblicke". Nicht zuletzt deshalb befinden sich die meisten Fenster an der südwestlichen Ecke mit Blick auf das Gelände der Zeche Zollverein.

Auch bei dem ein Jahr später eröffneten „New Museum", New York, reagierten SANAA äußerst feinfühlig auf die Nachbarschaft. Auf dem nur 20 m breiten Grundstück entwickelten sie einen 53 m hohen Turm aus sechs übereinander gestapelten Boxen, die das Volumen insgesamt kleinteiliger erscheinen lassen. Durch deren leicht versetzte Anordnung entstehen Oberlichter in drei Himmelsrichtungen. Polierte Betonböden und weiße Wände schaffen neutrale Präsentationsflächen für die Exponate. Die Fassadenverkleidung aus gewöhnlichem Aluminiumstreckmetall ist in ihrer Anmutung so spröde wie die umgebende Bowery, New Yorks ehemaliges Elendsviertel auf der Lower East Side von Downtown Manhattan.

Ganz anders wiederum, nämlich „zart wie eine Rauchwolke, die zwischen Bäumen schwebt",  beschreiben SANAA den Pavillon für die Serpentine Gallery, mit dem sie 2009 den Londoner Kensington Gardens verzauberten. Unterschiedlich hohe Chromstahlpfeiler trugen ein spiegelblank poliertes Aluminiumdach, das sich über eine Fläche von 557 m2 durch die Parkanlage zog. Der Pavillon war größtenteils offen, lediglich die Cafébar und der runde Veranstaltungsraum waren durch transparente Acrylwände vor der Witterung geschützt. Ihrer Suche nach dem „Beinahe-Nichts" kamen SANAA bei diesem Projekt sehr nahe.

Ähnlich offen, jedoch als „Architekturlandschaft" deutlich wahrnehmbar, konzipierten SANAA das 2010 eröffnete „Rolex Learning Center". Trotz des streng rechteckigen Grundrisses wirkt der gewölbte Neubau auf dem Gelände der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Lausanne leicht und beschwingt. Das Bauwerk berührt den Boden mit kaum sichtbaren Stützen und lässt einen weiten Raum unter sich offen, durch den Besucher von allen Seiten zum Haupteingang finden. 14 runde, in das Volumen scheinbar eingestanzte Patios mit verglasten Fassaden vermitteln zwischen dem Gebäude und der umgebenden Moränenlandschaft. Wegen der Wölbung des Baukörpers kann man das Gebäude nicht in seiner gesamten Länge überblicken – erst beim Durchwandern erschließt sich die innere Organisation, und man beginnt, sich wie in einem unbekannten Gelände zu orientieren.

Wie untrennbar Landschaft und Architektur für SANAA miteinander verbunden sind, zeigt erneut die 2012 eröffnete „Dependance des Louvre" in Lens, dem Zentrum des ehemaligen Kohlereviers von Frankreich. Während vergleichbare Museumsbauten zur Aufwertung eines Ortes mit skulpturaler Architektur auf sich aufmerksam machen, entwickelten SANAA eine äußerst schlichte Lösung aus Beton, Glas und Aluminium. Die Ausstellungsfläche verteilt sich auf fünf rechteckige Kuben, die sich auf der einstigen Brachfläche aneinanderreihen. Der Eingangsbereich, ein transparenter Glaskubus, demonstriert die Nähe und Offenheit, mit der sich das Museum den Bürgern präsentieren will. Die übrigen Gebäudeteile sind mit anodisierten gebürsteten Aluminiumpaneelen verkleidet, die die tages- und jahreszeitlichen Stimmungen der Umgebung reflektieren. So fügt sich das schlichte Bauwerk harmonisch in die Landschaft ein, ohne diese zu dominieren.

Anlässlich der Verleihung des Pritzker-Preises im Mai 2010 würdigte die Jury die zugleich „grazilen wie kraftvollen" sowie „klaren und fließenden" Entwürfe des japanischen Architektenduos. „Ich fühle mich geehrt und bin zugleich überrascht", zitiertedie Nachrichtenagentur Kyodo Ryue Nishizawa. Kazuyo Sejima – die übrigens auch als erste und bisher einzige Frau die Architektur-Biennale Venedig geleitet hat – fügte hinzu: „Mit diesem Preis werde ich weiterhin versuchen, wundervolle Architektur zu gestalten". Ein Versprechen, das SANAA bis heute gehalten haben.