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Architektur auf Augenhöhe

Jeden Wettbewerb als Entwicklungschance des Büros begreifen und Nachhaltigkeit ganz bewusst als Designparameter einsetzen, das sind Bestandteile des Erfolgsrezepts von Henning Larsen Architects – und nicht zu vergessen: ihre skandinavischen Wurzeln.

Wie viele Architekturbüros können schon von sich sagen, dass mal eben schnell ein Mitglied des Königshauses vorbeigekommen ist, um eine Ausstellung über die Werke des Büros zu eröffnen? So geschehen im Sommer 2012, als Prinzessin Benedikte von Dänemark die Ausstellung „What if ...“ über das Schaffen von Henning Larsen Architects in der Architekturgalerie in München eröffnet hat. Eine Anerkennung mehr für das dänische Büro in einer langen Liste von Preisen und Awards, die kaum noch zu toppen ist. Erst vor Kurzem erhielt Henning Larsen den „Praemium Imperiale“ der Japan Art Association, der von vielen auch als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet wird.

Was macht dieses Büro so erfolgreich, warum gelingt es ihm, so prestigeträchtige Wettbewerbe wie beispielsweise den Bau der neuen Spiegel-Zentrale in Hamburg oder die Realisierung des neuen Siemens-Headquarters in München für sich zu entscheiden? „Die Stärke von Henning Larsen Architects ist der skandinavische Ansatz, immer den Dialog zu suchen. Wir sind formmäßig vielleicht nicht so experimentell wie andere Büros, aber wir sind sehr auf den Kontext bezogen. Wir versuchen immer, den Zusammenhang in der Aufgabe, den funktionellen Anforderungen sowie dem geographischen und kulturellen Umfeld zu erkennen“, erklärt Werner Frosch, Geschäftsführer des Münchner Büros von Henning Larsen Architects. Dass dieses Erfolgsrezept gut gelingt, zeigen Projekte auf der ganzen Welt, die Henning Larsen Architects in den vergangenen 54 Jahren, seit Bestehen des Büros, realisiert haben.

Das 1959 von Henning Larsen in Kopenhagen gegründete Architekturbüro beschäftigt heute rund 180 Mitarbeiter und unterhält Büros in Dänemark, Saudi Arabien, Norwegen, der Türkei und Deutschland. Bereits 1960 gewann das Büro einen Wettbewerb für eine Schule, die Klostermarksskole in Roskilde, Dänemark, ein Jahr später gelang mit der Wettbewerbsentscheidung für den Bau der Universität in Stockholm der internationale Durchbruch. Der Gründer und Namensgeber Henning Larsen setzte sich intensiv mit der „Architektur des Lernens“ auseinander. Er entwickelte und arbeitete an der architektonischen Umsetzung neuer Lehr- und Lernmethoden, die er von 1968 bis 1995 als Professor an der Royal Danish Academy of Fine Arts auch gleich selbst erprobte. In seinem Architekturbüro bot er Studenten und jungen Architekten einen Ort, an dem sich Kreativität und neue Ideen interdisziplinär entwickeln konnten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Werner Frosch: „Unsere Büros waren und sind schon immer ein sehr beliebter Ort für junge Architekten. Die skandinavische Attitüde, Verantwortung weiterzugeben, schafft ein Milieu, das Kreativität fördert und dadurch auch gute Architektur entstehen lässt. So hat jeder die Chance, als Architekt auch prägend zu sein.“

„Unsere Büros waren und sind schon immer ein sehr beliebter Ort für junge Architekten."

Als Chancen, die es zu nutzen gilt, sehen Henning Larsen Architects auch die unzähligen Wettbewerbe, die das Büro pro Jahr bearbeitet und aus denen auch der Großteil ihrer Projekte hervorgehen. Entsprechend nimmt die Wettbewerbsabteilung im Kopenhagener Stammbüro einen zentralen Raum ein und beschäftigt in Spitzenzeiten bis zu 20 Mitarbeiter. Selbst im neu gegründeten Büro in München werden sich drei Mitarbeiter ausschließlich um Wettbewerbe kümmern. Neben der Akquise von Aufträgen schätzen die Architekten vor allem das kreative Klima, das sich aus der Mischung aus laufenden Projekten, die schon in der Ausführung sind, und aktuellen Wettbewerben die gerade laufen, ergibt. Es fördert die Kommunikation sowie die Interaktion unter den Mitarbeitern. Dies wird verstärkt durch eine gewachsene und zunehmend auch gewünschte Internationalität der Beschäftigten. So vereint das Büro mehr als 20 Nationalitäten unter seinen Mitarbeitern.

Internationalität, Interaktion und interdisziplinäres Arbeiten stehen für die Architektur von Henning Larsen Architects ebenso wie der Kontext und das Licht. Keines der Gebäude lässt sich auf den ersten Blick den Architekten zuschreiben, einen Henning-Larsen-Stil gibt es – ganz bewusst – nicht. Einzig das Streben nach Licht und Raum verbindet alle Projekte. Der Dialog mit dem Bauherrn und den Nutzern, die Analyse des Kontexts bilden die Basis für jeden Entwurf und jede Planung. „Architektur auf Augenhöhe“ nennen die dänischen Architekten diesen Ansatz. So entstand auch der Wettbewerbsentwurf für das neue Siemens-Headquarter erst nach intensiver Recherche und Auseinandersetzung nicht nur mit dem Bauherrn Siemens, sondern ebenso mit der Stadt München und ihren Bürgern.

Das neue Siemens-Gebäude mitten in der Münchner Altstadt soll eine urbane Qualität bieten. Kein Gebäude, das sich abgrenzt, sondern das den urbanen Raum erweitert. Dies überzeugte auch die Jury: „Dem Siegerentwurf gelingt es mit einer selbstbewussten und zugleich sensiblen Herangehensweise, eine neue städtebauliche Qualität in die bestehende Stadt einzubringen. Hier wird der überzeugende Beweis geführt, dass innovative, nachhaltige Bauweise in den Dialog mit den Qualitäten der Stadt treten kann.“ Die Idee des Räume-Schaffens, die zu sozialen Interaktionen führen und die das zufällige Treffen ermöglichen, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Projekte von Henning Larsen Architects. Ebenso wie der Anspruch der Nachhaltigkeit. Nach Aussage der Architekten wird mit dem Siemens-Headquarter eines der nachhaltigsten Gebäude der Welt entstehen.

Energie zu sparen und damit ökologische, ökonomische und soziale Verantwortung zu übernehmen, bedeutet für Henning Larsen Architects nicht ein notwendiges Übel, sondern ist Ausdruck einer ganz besonderen Ästhetik. Schon bei der Volumenausbildung, beim allerersten Klötzchenmodell, wird über Nachhaltigkeit nachgedacht. Dieses Festlegen eines gemeinsamen Ziels in einer frühen Projektphase soll garantieren, dass alle den gleichen Prozessansatz anwenden und auf konstruktive Weise daran arbeiten. „Wir haben ein Designmodell entwickelt, das wir ‚Integrated Energy Design‘ nennen und das es ermöglicht, den Energieverbrauch eines Gebäudes maßgeblich zu verringern. Dabei durchläuft jedes Projekt drei Phasen: reduzieren, optimieren und produzieren“, so Werner Frosch. „Zunächst schauen wir auf die Gebäudestrukturen und die möglichen Probleme und Potenziale. Beim Optimieren geht es schon richtig in die Bauteile, und in der letzten Phase, dem Produzieren, zeigt sich dann, was tatsächlich möglich ist, etwa die Verwendung von Geothermie oder Solarenergie.“

Gerade haben Henning Larsen Architects zusammen mit Studenten und Doktoranden der Technical University of Denmark (DTU) ein Buch mit dem Titel „Knowledge-Based Design“ veröffentlicht, in dem anhand von 25 Beispielen der Beweis angetreten wird, dass Nachhaltigkeit als Designparameter gelten und damit auch ganz am Anfang der Planung stehen muss. Wertvolles Wissen, das entscheidend zum Erfolg des Büros beigetragen hat und das die Architekten auch für sich hätten behalten können – wenn da nicht die skandinavischen Attitüden wären.