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Fehler auf den Tisch oder: Kollektive Revolte

30 Menschen aus 25 verschiedenen Disziplinen gründen eine Firma. Sie sind gleichberechtigt, Chefs gibt es nicht. Und alle sind miteinander befreundet. Kann nur schiefgehen? Die Berliner Innovationsberatung
Dark Horse ist der lebende Gegenbeweis. Seit sieben Jahren ist die Agentur ihr eigener Prototyp für neues Arbeiten.


Die Sache mit dem Stundenhotel fällt Patrick Kenzler auf Anhieb ein.
Einer seiner Kollegen von Dark Horse musste zu einem Kunden nach Frankfurt
und suchte im Internet schnell nach einer Unterkunft in der Nähe. »Erst an der Eingangstür hat er gemerkt, dass er ein Stundenhotel erwischt hatte«,
erzählt Kenzler. Eine Nobelherberge in der Nähe hatte noch ein Zimmer frei, also übernachtete sein Kollege dort. Leider weigerte sich der Kunde,
die teure Rechnung zu übernehmen. Ärgerlich? Sicher. Aber so gab es zumindest einen klaren Sieger beim nächsten Failure Award der Innovationsagentur
Dark Horse. Für den reichen alle Mitarbeiter eigene Fehler ein und prämieren den bemerkenswertesten.
»Und dies war sicher einer der lustigsten Fehler, die wir in der Preisverleihung hatten«, erinnert sich Patrick Kenzler. Doch für ihn und seine Kollegen geht
es nicht nur um den Spaß. Der Award soll eine
Firmenkultur fördern, in der Fehler nicht vertuscht werden. Mut wird belohnt, Scheitern in Kauf genommen. Fehler, so der 32-Jährige, sollten im kreativen
Prozess möglichst früh auf den Tisch kommen. »Je weiter das Projekt vorangeschritten ist, desto ärgerlicher und schwerwiegender sind Fehler«, erklärt er.

BÜROPORTRÄT: Dark Horse wurde 2009 in Berlin gegründet.

Dass Fehler zum Lernprozess gehören, haben die Gründer von Dark Horse an der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam erfahren. Dort
haben sie in einem Aufbaustudium gelernt, was Design Thinking ist: eine Innovationsmethode, die den Nutzer beim Design von neuen Produkten oder Dienstleistungen konsequent in den Mittelpunkt stellt.

Ein Jahr lang haben dort Literaturexperten, Informatiker, Künstler und Maschinenbauer im Team an neuen Ideen gearbeitet. Danach wollte sich keiner ins Schema F von Konzern oder Mittelstand pressen lassen. »Die Arbeitsbedingungen und die Wertschätzung stimmen in vielen Unternehmen einfach nicht«, sagt der studierte Architekt Patrick Kenzler. Also zogen die 30 Freunde zur Kollektiv-Revolte gegen die traditionelle Arbeitswelt
aus. Bei Dark Horse sind sie alle Gründer und Chef. Die festen Mitarbeiter, sogenannte Mönche, legen einmal im Jahr fest, ob sie drei, vier oder fünf Tage die Woche für die Agentur arbeiten wollen.
Wer andere Projekte hat oder reisen möchte, bleibt Dark Horse als Pilger verbunden. Ganz ausgestiegen ist bisher niemand.

Bei strategischen Entscheidungen experimentiert die Agentur erfolgreich mit dem Prinzip der Soziokratie. »Es geht darum, einen Konsens zu finden, mit dem alle Anwesenden leben können «, erklärt Patrick Kenzler. Wer schwerwiegende Einwände gegen einen Vorschlag hat, kann sein Veto einlegen, muss aber dann auch einen Gegenvorschlag erarbeiten. Das verhindert Blockaden und ewige Diskussionen.

Wegen ihrer ungewöhnlichen Strukturen kriegt die mehrfach ausgezeichnete Agentur die Hälfte ihrer Aufträge im Bereich Organisationsentwicklung. Auf zahlreichen Vorträgen, Konferenzen und in ihrem Buch »Thank God it’Monday« erklären sie, wie die viel diskutierte Generation Y gerne arbeiten möchte. In ihrem Kreuzberger Loft demonstrieren sie, wie sich der Traum vom sinnvollen und guten Arbeiten in die Realität umsetzen lässt. Die Telekom
und viele andere Firmen schicken regelmäßig Leute in denalten Gewerbehof, die hier den Wandel der Arbeitswelt begreifen wollen.

Die andere Hälfte der Arbeit machen klassische Innovationsprojekte aus. Konzerne wie Eon, Audi und Bayer wollen mithilfe von Dark Horse Veränderungen im Unternehmen anstoßen. Beliebt sind Innovation Hubs, in denen eigene Mitarbeiter neue Ideen lostreten. Aber auch Design Thinking ist immer mehr gefragt. »Große Konzerne beschränken sich oft nur auf die Methoden. Viel wichtiger ist es, die Menschen in den Fokus zu rücken«,
sagt Henning Trill von Bayer. »Die Kooperation mit Dark Horse war für uns eine großartige Bereicherung und führte eine Art Kulturwandel herbei.«
Gerade arbeitet der unkonventionelle Berater mit seinen Kollegen an neuen Ideen für die Zukunft der Wirtschaftsprüfung. Zusammen mit traditionell sozialisierten Zahlenmenschen basteln sie aus Legosteinen neue Arbeitswelten. Vordergründig geht es um einen Raum, in dem digitale Dienstleistungen entwickelt und ausprobiert werden sollen. »Doch es geht auch um das Selbstbildder Firma«, erzählt Patrick Kenzler. »Der neue Raum ist ein Symbol für den Wandel zu einem digitalen Unternehmen, in dem die Mitarbeiter Raum bekommen, um gute Arbeit zu leisten.«

Text: Julia Graven
Illustrationen: Herzette


»Wir sind, was wir tun. Wenn wir nicht mögen, was wir tun, mögen wir uns selbst nicht.« Zitiert aus dem ersten Buch von Dark Horse: »Thank God it’s Monday«

Das neue Buch von Dark Horse »Digital Innovation Playbook«, eine Anleitung für Macher und Manager, die Innovationen entwickeln wollen.