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»Wissen ist die neue Währung«

Innovative Gebäude entstehen nur, wenn Gestaltung und Konstruktion, Handwerk und digitale Fabrikation, Lebenszyklen von Gebäudenutzung und Materialeinsatz gemeinsam gedacht werden.

PROFILE: Welche Rolle spielen Aspekte des diesjährigen Ausstellungsmottos »Experience Progress« in Ihrer täglichen Arbeit?

Ronald Schleurholts: Wir von cepezed sind nie mit dem Status quo zufrieden und suchen stets nach neuen Entwicklungen und innovativen Kombinationen von Techniken, wo immer dies möglich ist. Da die Bauwirtschaft eher konservativ geprägt ist, lohnt es sich, sich von Techniken anderer Branchen inspirieren zu lassen oder die Forschungsabteilungen bestimmter spezialisierter Unternehmen kennenzulernen. Zum Beispiel hat die Smartphone­ und Tablet­Industrie die Qualität und Stärke von Glas ins Extreme getrieben. Und aus dem stark industrialisierten Gewächshaussektor in Holland haben wir intelligente und wirtschaftliche Sonnenschutzsysteme übernommen, die es uns ermöglichen, »anpassungsfähige« Fassaden wirtschaftlich einzusetzen. Als Designer haben wir selbst neue Ideen, dennoch tun wir uns, wie schon gesagt, auch mit den Forschungsabteilungen anderer Unternehmen zusammen. Oft gibt es da sehr gute Ideen, die bloß darauf warten, aufgenommen zu werden. Nicht zuletzt können Gebäude interaktiver und responsiv werden, mehr auf ihre tatsächliche Nutzung abgestimmt und »intelligenter«, mit modernen digitalen Geräten und Technik interagierend. Denken Sie an die Tesla­Autos, die in Echtzeit Upgrades und neue Funktionen erhalten.

PROFILE: Wie flexibel müssen Gebäude in Zukunft sein?

Ronald Schleurholts: Wir glauben fest daran, die Qualität und Anpassungsfähigkeit von Gebäuden durch eine grundlegende Veränderung des Bauprozesses verbessern zu können. Wir sind bestrebt, die Produktion und den Bau vor Ort so weit wie möglich zu vermeiden. Unsere Gebäude werden mit industriell gefertigten Komponenten trocken montiert. Schweißen oder Betongießen findet auf unseren Baustellen nicht statt. Wir haben einen »Baukastensystem«­Ansatz entwickelt, der die Anpassung und Entwicklung von Materialien und Lösungen erfordert. Dies führt zu einer höheren Qualität, aber auch zu Gebäuden, die leicht zu demontieren und zu pflegen und vor allem anpassungsfähig sind. Da verschiedene Komponenten unterschiedliche Lebensdauern haben, müssen Sie unterschiedliche Lebens­ und Nutzungszyklen berücksichtigen. Unsere Konstruktionsmethoden ermöglichen auch die Auffrischung und Wiederverwendung von Materialien im Laufe der Zeit. So können wir wiederverwendete Materialien problemlos in unser »Baukastensystem« einbauen, wie wir es im Green House Pavillon in Utrecht getan haben.

PROFILE: Was ist Ihnen bei der Umsetzung neuer architektonischer Ideen und Konzepte wichtig?

Ronald Schleurholts: Mir ist sehr wichtig, das Wissen der Zulieferer in den Gestaltungsprozess einzubeziehen und die Kreativität und den einfühlsamen integralen Ansatz des Designers mit dem Produktionswissen und den technischen Fähigkeiten von Unternehmen zu verknüpfen, die Konstruktionen tatsächlich herstellen und entwickeln. Beide Parteien müssen aufgeschlossen und zukunftsorientiert sein, aber diese Zusammenarbeit bringt die besten Lösungen und steigert die Entwicklung der Qualität und der Materialien, die in der gebauten Umgebung verwendet werden.

PROFILE: Wie wird sich die Digitalisierung weiter auf die Architektur auswirken?

Ronald Schleurholts: Erstens lassen sich durch einen stärker integrierten Ansatz bei Planung, Bau, Unterhaltung und Rückbau von Gebäuden immer noch Verbesserungen erzielen. Wir müssten unsere digitalen 3D­Modelle noch intelligenter rendern und in einem offeneren Prozess freigeben. Die meisten Produktanbieter und BIM­Modelle sind jedoch immer noch nicht wirklich aufeinander abgestimmt. In der Planungsphase kann die Digitalisierung genutzt werden, um zu besseren Entwurfsentscheidungen und besser konstruierten Gebäuden zu gelangen. Auch bei Tageslichtstudien, Leistungssimulationen usw. kann sie hilfreich sein. Je schneller und integrierter diese Tools im Konstruktionsprozess genutzt werden können, desto besser und optimierter sind die Ergebnisse.

PROFILE: Verwenden Sie in Ihrem Büro digitale Tools und Methoden wie BIM?

Ronald Schleurholts: Ja, natürlich verwenden wir BIM. Wir nutzen es seit etwa zehn Jahren. Wir investieren darin und entwickeln es weiter, um mit dem Entwicklungstempo Schritt zu halten. BIM hat eine enorme Verbesserung der Möglichkeiten in Bezug auf multidisziplinäres, integriertes Design gebracht und führt ganz klar zu höherer Qualität. Es gilt jedoch, noch große Schritte zu machen, um die 3D­Modelle in allen Stadien der Existenz eines Gebäudes zu verwenden, von der Planung über den Bauprozess, die Integration der Lieferkette, die Unterhaltung und den Betrieb während der Lebensdauer eines Gebäudes bis hin zum Rückbau.

PROFILE: Welche Tools erleichtern Ihnen die Planung? Nutzen Sie die Konfigurationsmöglichkeiten im virtuellen Raum, Augmented-Reality-Tools usw.?

Ronald Schleurholts: Ja, wir verwenden diese Tools viel zu Entwurfszwecken, zur Qualitätskontrolle, aber auch, um mit Kunden und relevanten Akteuren die spezifischen Benutzererfahrungen oder die Einhaltung bestimmter Anforderungen zu überprüfen. Bei der Arbeit am neuen Pier am Flughafen Schiphol haben wir sie genutzt, um mit den relevanten Akteuren ein breites Spektrum an Themen zu prüfen, von der Sicherheitszone, der Wegeplanung für die verschiedenen Passagiergruppen und den Arbeitsabläufen der Mitarbeiter bis hin zu Freigabestufen, Sitzplätzen und der Positionierung von kommerzieller Werbung und Wegweisern. Alles wurde im 3D­Modell positioniert und mit Echtzeitsoftware überprüft.

Van Spaendonck Enterprise House, Tilburg/NL, cepezed, Delft/NL Die neue Fassade des Revitalisierungsprojekts mit BREEAM­Excellent­Zertifizierung basiert auf einem horizontalen, sehr charakteristischen Rhythmus und der Artikulation der bestehenden Fassade.
Die geschlossene Struktur des Bestands wurde zugunsten einer offenen Arbeitslandschaft aufgebrochen. Die Büroebenen wurden in enger Abstimmung mit den Nutzern neu gestaltet. So entstand eine Vielzahl von Nutzungsszenarien, von offenen und tätigkeitsbezogenen Arbeitsplätzen über Räume zur Konzentration bis zu klassischen Zellenbüros. Schüco Systeme: FW 50+, AWS 65, ADS 65

Fotos: Lucas van der Wee | cepezed